13 – Willkommen zurück im Neuen

 

Ja, da bin ich wieder – zurück in Deutschland. Die letzten wenigen Wochen in Ghana waren wunderschön und haben mir den Abschied noch schwerer gemacht als befürchtet. Sogar die Moskitos haben mir noch ein Abschiedsgeschenk gemacht und mich mit ca. 5000 Parasiten als Malariapatientin in meinen letzten zwei Wochen für fünf Tage ins Krankenhaus geschickt. Dank toller Versorgung und vieler Gebete bin ich inzwischen aber wieder fit. 
Nein, ehrlich. Ich habe versucht, in diesen letzten Wochen noch einmal alles in vollen Zügen zu genießen. Sei es das permanente Hupen der Taxis, die lauten Zurufe auf der Straße wie „Ey Chaley, what’s up?“, das Gewusel auf dem Markt, jede einzelne Begrüßung meiner Schüler*innen oder auch das voll besetzte Trotro im immerwährenden Stau nach Accra. Ich merke erst jetzt, dass es all diese Kleinigkeiten sind, die das Land für mich so schön gemacht haben und die das Land für mich auch ausmachen. Es sind die Dinge, die einem im Alltag nicht wirklich auffallen, besonders, wenn man sie alle kennt und gewohnt ist. Aber sobald man geht, sind eben genau diese Kleinigkeiten nicht mehr da, sie fehlen einfach und sind plötzlich gar nicht mehr so klein. 
Das Schwierigste war, mich von meinen Freunden zu verabschieden. Mit Abena, meiner ghanaischen Schwester hat es angefangen und schon bei ihr kamen mir die Tränen. Es ging weiter mit meinen Schüler*innen, die ich so ins Herz geschlossen hatte, dann natürlich meine ghanaischen Eltern, die diese Bezeichnung mehr als verdient haben und dann natürlich noch weitere Freunde, mit denen ich so viel Spaß haben durfte. Tja, und zum Schluss kam mein Freund – da wollten die Tränen am Flughafen gar nicht mehr aufhören. 
 Ich war so froh, nicht alleine fliegen zu müssen, sondern Svenja bei mir zu haben. Zusammen haben wir den Abschied und dann die Rückreise bestritten, jedes Kofferproblem beseitigt und jeden Kampf mit dem Immigration Service gewonnen. 

Nach zwölf Stunden Reise mit ca. einer Stunde Schlaf standen wir dann wieder auf deutschem Boden. Es war ein so schöner Moment, meine Familie wiederzusehen, in den Arm genommen zu werden und so liebevoll in Deutschland begrüßt zu werden. Und gleichzeitig war da immer noch die Traurigkeit, dass ich nicht mehr in Ghana bin, dass dieses Jahr und damit ein so großartiger und wertvoller Lebensabschnitt vorbei ist. 
 Dieser Zwiespalt, den ich eben beschrieben habe, begleitet mich weiterhin. Ich finde Deutschland toll und ich weiß ganz viel zu schätzen: keine regelmäßigen Stromausfälle, fließendes Wasser bei jedem Wasserhahn, warmes Wasser, Trinkwasser aus dem Hahn, Fahrradwege, deutsches Essen, die Fülle an Broten, Käsesorten und Milchprodukten. Ich genieße es, wieder hier zu sein. 
 Gleichzeitig fehlt mir Ghana eben und ich lasse gefühlt keine Gelegenheit aus, um ein weiteres Mal zu erklären, wie das in Ghana lief. Meine Familie muss sich das dann also anhören und ich freue mich immer, wenn ich andere interessierte Menschen treffe, die sich freuen, das erste Mal persönlich etwas von mir über das vergangene Jahr zu hören. Obwohl ich vielseitig auf Interesse treffe, merke ich doch, dass niemand Ghana von meinen Erzählungen so wahrnehmen kann, wie ich es getan habe. Den großen Platz, den dieses Land mit all seinen tollen und weniger tollen Seiten in mir eingenommen hat, wird es bei niemandem einnehmen, der nicht auch dort war für diese lange Zeit. Das macht die Erfahrung für mich noch wertvoller und gleichzeitig ist es irgendwie komisch zu sehen, dass andere mich nicht ganz verstehen können dabei.
Meine Rückkehr war in etwas Bekanntes, in etwas Familiäres. Und doch stelle ich fest, dass vieles trotzdem irgendwie fremd ist. In meiner Familie haben sich Strukturen verändert, die Zeit hier ist wegen meiner Abwesenheit nicht stehengeblieben, Menschen haben sich verändert und weiterentwickelt. Es ist altbekannt und doch neu und fremd. 

Ich erwische mich manchmal dabei, wie ich Menschen auf Englisch antworte und mir dann innerlich an die Stirn schlage, weil das absolut bescheuert ist. 
Ich weine ab und zu, weil ich Ghana vermisse. 
Ich erzähle jedem, ob er es hören will oder nicht, wie toll Ghana war und ist.
Ich höre ghanaische Musik und tanze in meinem Zimmer, weil mir das Feiern in Accra fehlt.

Ja, dieser Abschnitt meines Internationalen Freiwilligendienstes ist vorbei. Aber es geht weiter! Ab Oktober werde ich in Freiburg meinen Traum-Studiengang „Liberal Arts and Sciences“ studieren. Ich habe sogar schon ein Zimmer in einer Wohnheim-WG. Und dann darf ich auch sagen, dass ich sicherlich bei weitem nicht das letzte Mal in Ghana gewesen sein werde. 


Bevor ich nun zu meinem letzten Abschnitt dieses letzten Blogeintrags komme, möchte ich gerne noch einmal auf die Spenden hinweisen, die den CVJM bei den Freiwilligendiensten und auch meine Einsatzstelle unterstützen. Unter dem Reiter „Spenden“ ist alles auch nochmal erklärt und ich freue mich über jeden Betrag, der dabei zusammenkommt. Vielen Dank :)


So, und jetzt zum Schluss. Ich bedanke mich für alle, die mich das vergangene Jahr über meinen Blog, in Gedanken und/oder im Gebet begleitet haben. Es war ein wundervolles Jahr, in dem ich so viel lernen und an Erfahrung dazugewinnen durfte. Es war ein Jahr mit Höhen und Tiefen, mit persönlichen Erfolgen und Niederlagen. Und ganz am Ende, unterm Strich steht ein dickes, fettes „Danke“. Ein Danke an die Menschen, die es mir ermöglicht haben, dass ich diesen FWD machen durfte, ein Danke an die Menschen in Ghana, die diese elf Monate so schön haben werden lassen, ein Danke an meine Mitfreiwilligen, besonders an Judith, die es mit mir in der Wohnung ausgehalten hat, die für mich da war und mit der ich so viel teilen durfte. Und das letzte große Danke geht an meinen himmlischen Vater, der mich begleitet hat in diesem Jahr und mir all diese wundervollen Menschen an die Seite gestellt hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 
Ghana, Du warst toll und Du kannst Dir sicher sein, dass ich wiederkomme. Dann heißt es wahrscheinlich auch: „Willkommen zurück im Neuen!“

 12 – Achterbahn ohne Freizeitpark 

Du wartest in der Schlange. Menschen vor Dir steigen ein und Du siehst, wie sie langsam aus dem Wartebereich fahren. Dann hörst Du den ein oder anderen Schrei. Nach ein paar Minuten kommt die Bahn wieder in den Wartebereich gefahren. Die Menschen steigen aus. Manche machen immer noch große Augen. Andere lachen. Einer ruft: „Nochmaaal!“ Du weißt nicht genau, wie die Fahrt war, aber manchen scheint sie gefallen zu haben. Zurück geht es sowieso nicht mehr, denn jetzt stehst Du vorne in der Reihe. Quietschend öffnen sich die Gittertüren. Zögernd steigst Du in einen der Wagons. Du schaust Dich noch einmal um, blickst in andere Gesichter. Die Nervosität steigt. Dann setzt sich die Bahn langsam in Bewegung – es geht los. Eine gefühlte Ewigkeit wirst Du nach oben gezogen. Du siehst so ein bisschen, was jetzt vor Dir liegt. Einen Ausweg gibt es nicht mehr – da musst Du jetzt durch. Das Grummeln im Bauch wird lauter und der Gedanke, was für eine blöde Idee das war, wird größer. Du bist oben. Für den Bruchteil einer Sekunde bleibst Du stehen und siehst die Abfahrt vor Dir. Und dann rast das Teil los. Der Adrenalinspiegel steigt in Millisekunden auf ein Maximum. Du schreist. Es fühlt sich an, als ob es keine Schwerkraft gäbe. Du hängst völlig in der Luft. Dann eine Kurve und Du denkst: „Gleich falle ich raus.“ Es geht hoch und runter. Langsam gewöhnst Du Dich an die Schnelligkeit und das Unvorhersehbare. Da hinten ist ja schon das Ende in Sicht. Aber davor nochmal eine Abfahrt, die Dir sogar richtig Spaß macht. Die Bahn bremst abrupt ab. Ende. Du fährst wieder in den Ausstiegsbereich und verlässt die Bahn. Man, ging das schnell. Am Ende hat es sogar richtig Spaß gemacht. Das war ja viel zu schnell vorbei. 

Jeder von uns, der schon einmal Achterbahn gefahren ist, kennt das eben beschriebene Szenario wahrscheinlich ziemlich gut, vielleicht mit ein paar wenigen Abweichungen, falls man nicht so ein Schisser ist, wie ich es am Anfang meiner Achterbahn-Karriere war. 

Dieses Szenario lässt sich aber auch ganz gut auf meinen Freiwilligendienst übertragen. Wer meine Blogeinträge mitverfolgt hat, weiß, wie ich mich anfangs gefühlt habe. Voller Vorfreude und Mut habe ich mich beworben für den FWD und habe mich damit in die Schlange gestellt. Ich wurde genommen und bin dem Ziel des Beginns immer näher gerückt. Beim Vorbereitungsseminar stand ich quasi direkt vor den sich quietschend öffnenden Türen. Ehemalige Volontäre haben von ihren Erfahrungen erzählt und uns ein bisschen vorbereitet. Sie sind aus ihren Wagons bereits ausgestiegen und hatten von tollen und weniger schönen Erfahrungen zu erzählen, aber sie alle haben am Ende der Fahrt ein dickes Plus stehen. Tja, und dann war ich dran. Das Drehgitter im Flughafen hat sich geöffnet und hinter mir auch wieder geschlossen. Mit Tränen in den Augen bin ich durch die Sicherheitskontrolle gelaufen. Und dann ging’s los. Beim Start wurde ich in meinen Sitz gedrückt. Der Gedanke, wie bescheuert diese Idee war und wie unmöglich es ist, dass ich mich darauf gefreut habe, wurde immer größer, aber es gab keinen Ausweg mehr. Ich hatte circa 8 Stunden Flugzeit, um zu realisieren, wo ich mich da jetzt hineinbegebe. Für mehrere Minuten habe ich bei der Landung das beleuchtete Accra und mein Zuhause für die nächsten zwei Wochen gesehen. Die Nervosität ist drastisch angestiegen. Und dann kam die erste Abfahrt und damit der Beginn in diese Achterbahnfahrt. 
Während meiner Zeit in Ghana gab es Höhen und Tiefen. Natürlich gab es mehr Höhen, worüber ich sehr glücklich bin. Am Anfang haben viele Kurven, viel Vermissen, Unsicherheiten und Überwältigung die Ghana-Achterbahn beherrscht. Aber mit der Zeit habe ich mich an all das (oder zumindest an das meiste) bislang Unbekannte gewöhnt und vieles davon sogar lieben gelernt. Ich habe mich auf die nächsten Abschnitte gefreut, habe die Hände in die Luft gerissen und gejubelt, wenn wieder eine Abfahrt kam. Aber erst beim letzten Abschnitt hatte ich das Gefühl, dass ich mich jetzt richtig wohlfühle, die Hände oben lassen möchte und am liebsten noch eine Runde drehen würde.
Und genau das ist der Punkt, an dem ich mich gerade befinde. In ziemlich genau vier Wochen geht es für mich zurück nach Deutschland. Natürlich freue ich mich riesig auf meine Familie, auf meine Freunde und auf andere Dinge, die ich vermisst habe. So wird mein erstes Essen in Deutschland wahrscheinlich ein dunkles Brot mit einer richtig schönen Kruste, fett Butter und einem echten Käse sein. Getrunken wird dazu dann eine Apfelschorle aus echten Äpfeln und bitzelndem Sprudelwasser. Aber diese Rückkehr bedeutet eben auch Abschied und der wird alles andere als leicht. Ghana ist mein zweites Zuhause geworden und ich habe den Eindruck, dass ich erst vor Wochen hier so richtig angekommen bin, mich gut zurechtfinde und sowohl den Alltag als auch die besonderen Tage so richtig genieße. Aber da kann ich doch jetzt nicht schon wieder gehen. Und vor allem wartet in Deutschland ja schon der nächste Neustart auf mich, wenn ich tatsächlich an der Uni angenommen werden sollte. Dann ist da der nächste Umzug, das nächste leere Zimmer, die nächste unbekannte Umgebung, die nächsten unbekannten Menschen. Das wird bestimmt auch toll und spannend, aber hier zu bleiben, wäre sicherlich auch nicht so schlecht. 
Naja, das geht nun einmal nicht und so beschäftige ich mich gerade mit Abschiedsgeschenken für Ghana und Mitbringseln für Deutschland. Und innerhalb dieser Achterbahn, die gerade zum Ende kommt, ist da noch eine Achterbahn in der Achterbahn – die der Gefühle: Freude über ganz kleine Dinge, Wertschätzung des Alltäglichen und tolle Momente mit Freunden auf der einen Seite. Traurigkeit, Abschiedsstress, Planung fürs Packen und für Deutschland auf der anderen Seite. 

So viele Dinge, manchmal auch nur ganz kleine, werden mir fehlen. Und ein paar von denen möchte ich hier auflisten, wobei bei dieser Liste noch einmal gesagt werden muss, dass die nur aus meiner Perspektive geschrieben und dadurch nicht als objektive und allumfassende Beobachtung gesehen werden darf.  
Ich werde das tolle Obst hier vermissen, die frischen Bananen, die saftige Ananas, die süße Mango, die leckere Avocado, die rote Papaya. Ich werde vermissen, dass ich mir zu jeder Tageszeit etwas zu Essen holen kann am Straßenrand – egal, ob Reis, Indomie oder Spaghetti. Überhaupt werden mir die kleinen Straßenläden, bei denen wir mittlerweile in Mpraeso unsere Stammläden haben, fehlen. Man benötigt gar keinen Supermarkt, in dem es alles in vierfacher Ausführung gibt. Die Läden an der Straße reichen einfach und wir bekommen alles, was wir brauchen und das in Laufweite. Die Stille in Deutschland wird manchmal schwer zu ertragen für mich sein. Wenn keine Menschen sich laut auf der Straße unterhalten, niemand seinen Freund am Telefon mit „Ey Chaley“, begrüßt, keine laute Musik alle 100 Meter aus großen Boxen gespielt wird, keine Predigt, die aus Lautsprechern dröhnt und kein Muezzin, der aus der nahegelegenen Moschee zum Gebet ruft. Ich werde nicht mehr schmunzeln können, wenn ich im eng bepackten Trotro einen kurzen Blick auf das Handydisplay meines Nebensitzers werfe und sehe, mit wie vielen Emojis er seine Kontakte in Großbuchstaben eingespeichert hat. Menschen in Deutschland haben meist keine zehn Spitznamen, die man alle nennen muss, um sich mit seinem Gesprächspartner einig darüber zu sein, um wen es gerade genau geht. Vielleicht passiert es mir sogar, dass ich mit Verkäufern in Deutschland anfange, über den Preis zu verhandeln. Ich werde die Kinder in der Schule so sehr vermissen, wie sie mich auf dem Schulhof auf Deutsch grüßen, wie sie mir laut „Tschüss“, hinterherrufen, wenn ich das Klassenzimmer verlasse. Überhaupt werde ich all die liebevollen Menschen vermissen, die ich hier kennengelernt habe – Nachbarn, Verkäufer*innen, Freunde und meine ghanaische Familie. Sie alle werden mir fehlen. 
Natürlich werde ich über manche Dinge auch froh sein, wenn sie nicht mehr da sind, zum Beispiel das Auffallen wegen meiner Hautfarbe, das doch häufige Fragen nach meiner Nummer, nur weil ich weiß bin oder die sehr verbreitete Unpünktlichkeit. Aber insgesamt werden mir viel viel mehr Sachen fehlen als ich froh bin über welche, die nun wegfallen. 

Ghana war und ist ein unfassbar tolles Land und ein wundervolles Zuhause für mich und ich bin so dankbar für diese Zeit. Ich bin dankbar für alles, was ich hier lernen, erleben und mitnehmen durfte. Ich bin dankbar für all die liebevollen Menschen, die ich hier kennenlernen durfte und von denen ich manche meine Freunde nennen darf. 

Tja, und das war’s… Dieser Eintrag hier ist der letzte, den ich aus Ghana veröffentlichen werde. Danach kommen vielleicht nochmal ein oder zwei aus Deutschland, um zu erzählen, wie meine Ankunft war und wie’s so weitergeht. Jetzt werde ich versuchen, Ghana in den letzten vier Wochen noch einmal so intensiv wie möglich wahrzunehmen und mich von allen richtig zu verabschieden. 


Bis bald in Deutschland, wenn ich aus dieser Achterbahn dann aussteige und allen persönlich erzähle, wie grandios diese Fahrt war. 

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11 – Zeit vergeht nicht, sie rennt

Inzwischen sind mehr als neun Monate vergangen seit ich weinend am Flughafen in Frankfurt stand und mich von meiner Familie verabschiedet habe, seit ich in einem Flugzeug am Fensterplatz über Westeuropa, den Ozean, die Nordküste Afrikas und die Sahara geflogen bin und spät abends über einem unendlichen Lichtermeer Accras gelandet bin. Seitdem ist so viel passiert. Es gab Höhen und Tiefen, Freudensprünge und bittere Tränen. Ghana ist zu meinem zweiten Zuhause geworden und ich höre immer mal wieder den Satz: „Now, You’re a real Ghanaian.“ 

Tja, aber mir verbleiben lediglich noch sieben Wochen in diesem wunderschönen Land. Deutschland rückt immer näher und das nicht nur durch den anrückenden Abflug, sondern auch durch die Bewerbung für mein Studium in Deutschland, durch die Wohnungssuche dafür und auch meine Familie hat Deutschland durch ihren Besuch wieder ein Stück in meinen Blickwinkel gerückt. 

Der Besuch meiner Eltern und meines Bruders war so schön und ich habe mich riesig gefreut, sie alle drei wiederzusehen. Bei ihrer Anreise lief nicht alles gut. Wer glaubt, dass es nur hier in Ghana Verspätungen gibt, liegt falsch. Am Tag des Abflugs in Deutschland hat meine Familie erfahren, dass sowohl der Flug von Frankfurt nach Brüssel als auch der von Brüssel nach Accra abgesagt und um 24 Stunden nach hinten verschoben wurde. Das war erstmal eine Enttäuschung für mich, weil ich mich den ganzen Samstag gefreut hatte, sie zu sehen. Aber wenigstens hatte ich den Trost, dass das Wiedersehen nur um 24 Stunden verschoben wurde. Am Sonntagabend saß ich also ziemlich aufgeregt, nervös und voller Vorfreude im Auto und bin zum Flughafen gefahren, um meine Familie dort abzuholen. Sobald sich unsere Blicke getroffen haben, sind wir uns in die Arme gefallen und haben uns erstmal nicht mehr losgelassen. Dann kamen die ersten Kommentare meiner Eltern, die, anders als mein Bruder, von meiner neuen Frisur überrascht wurden. Ich hatte mir nämlich in der Woche davor Braids machen lassen. Das war eine spannende, schwere, juckende und manchmal schmerzende Erfahrung. Ich hatte noch nie so viele Haare auf meinem Kopf, denn Braids werden zusätzlich zum eigenen Haar noch mit Kunsthaar geflochten, damit genug und lange Strähnen dabei herauskommen. Meine Kopfhaut war an diesen dauerhaften Zug auch nicht gewöhnt, denn normalerweise hatte ich den nur für wenige Stunden, wenn mir meine Mama früher einen perfekten Dutt für den Ballett-Unterricht gemacht hatte. Waschen darf man die Braids auch nicht, weil sie nur schwer trocknen und dann eher zu Haarausfall führen können. Insgesamt dreieinhalb Stunden hatte ich im Friseursalon gesessen, um mir diese Frisur machen zu lassen und etwa eineinhalb bis zwei Stunden haben meine Mama, mein Papa und ich eineinhalb Wochen später auch gebraucht, um die vielen kleinen Zöpfe wieder aufzuflechten. Nachdem das Kunsthaar raus war, dachte ich, ich hätte keine Haare mehr auf dem Kopf, weil plötzlich alles so leicht war. 
Jetzt aber zurück zum Besuch meiner Familie, ich schweife ab. Für alle drei war es eine andere Art des Urlaubs und wahrscheinlich auch nicht ganz so entspannt und erholsam, wie man es normalerweise von beispielsweise einem ruhigen Strandurlaub auf Fehmarn gewohnt ist. Besonders für meinen Bruder war die Lautstärke, die hier fast dauerhaft herrscht, weil irgendwo immer Musik läuft oder Menschen reden und rufen und die Enge auf den Trotrofahrten ermüdend und anstrengend. Mich hatte das am Anfang meiner Zeit auch etwas mitgenommen gehabt, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und werde vor allem die permanente Musik und das Menschenwirrwarr in Deutschland vermissen. Auch an das Klima habe ich mich gewöhnt, wohingegen das meiner Mama die meiste Mühe bereitet hat – ist eben doch ein Unterschied, ob man 5.700km oder nur 900km vom Äquator entfernt ist. 
Nachdem meine Eltern das offen daliegende Fleisch auf dem Markt gesehen haben und die Fische mit ihren toten Augen, um die die Fliegen herumschwirren, haben sie entschieden, dass sie diese zehn Tage auch ganz gut vegetarisch leben können. Ich habe ihre Bitte, diesen Teil des Marktes zu meiden, verstanden. Obwohl der Anblick dieses Fleischs nicht gerade appetitlich ist und die Hygienevorschriften in Deutschland das wohl auch nicht so erlauben würden, ist das Fleisch dennoch essbar und hier in Ghana sogar ein elementarer Bestandteil, vor allem für Suppen und Stews. Bleiben wir doch gleich mal beim Thema Essen. Auf das Fleisch wurde also gerne verzichtet, wohingegen meine Eltern beinahe abhängig vom Obst waren; meine Mutter hat sich in Ananas und Mango verliebt und mein Papa war ein Avocado-Junkie. Da merkt man dann schon, sowohl im Aussehen, als auch im Geschmack, ob die Frucht beinahe frisch und vor allem ausgereift vom Baum kommt, oder schon Stunden/Tage unausgereift in einem Transportmittel nach Deutschland verbracht hat. Weder eine gute Mango noch eine gute Avocado haben einen sauren oder bitteren Nachgeschmack und von der Ananas, die eher weiß als gelb ist, hat meine Mama keine allergische Reaktion bekommen. Allerdings haben ihre Lippen des öfteren vom scharfen Mittagessen gebrannt. Mein Papa und mein Bruder mochten das scharfe Essen und haben manchmal sogar extra nach dem grünen, noch schärferen Pepper gefragt. 
Zwei weitere Aspekte, die meinen Eltern aufgefallen sind hier, sind die Sauberkeit der Autos und der Duft der meisten Ghanaer. Obwohl es in Ghana doch recht staubig sind und so manche Straßen weniger als Teer als aus Staub, Sand und Kies bestehen, sind fast alle Autos ziemlich sauber, darauf wird sehr geachtet, besonders von den Taxi- und Uberfahrern. Da könnte sich der ein oder andere deutsche Autofahrer etwas abschauen und verhindern, dass vorbeilaufende Kinder „Putz mich“, auf die Windschutzscheibe schreiben. Da wir in den zehn Tagen immer wieder herumgereist sind, damit meine Familie so viele schöne Orte wie möglich sehen kann, saßen wir häufig in Trotros, um von A nach B zu kommen. In diesen kleinen Bussen ist es sehr eng und vor allem meine Mama war positiv davon überrascht, wie wenig es dort drin nach Schweiß riecht. Es ist auch meine Beobachtung der letzten Monate, dass die meisten Ghanaer sehr darauf achten, gut zu riechen. So wird an Deo und Parfum morgens oder abends vor dem Ausgehen nicht gespart. Und es ist kein unangenehmer Geruch, meine Mutter war einige Male kurz davor, jemanden anzusprechen, um zu fragen, wie das Parfum der Person heißt. 
Es ist so schön, dass meine Familie hier war und ich sie nach dieser langen Zeit wiedersehen konnte, ihnen mein derzeitiges Zuhause zeigen konnte, ihnen einen Einblick in all die Gründe geben konnte, weshalb ich dieses Land liebe und sie zu meinen Erzählungen jetzt nicht nur eine Vorstellung in ihrer Fantasie haben, sondern sie all die Farben, Gerüche und Geräusche selbst erlebt haben. 


Vor dem Besuch meiner Eltern, hatten Judith und ich einen Aktionstag geplant und veranstaltet: einen Deutschland-Tag. Wir haben und sechs verschiedene Stationen zu unterschiedlichen Aspekten der deutschen Kultur überlegt:
1. Fleiß: die Schüler*innen mussten in einer bestimmten Zeit so viele deutsche Wörter wie möglich fehlerfrei aufschreiben
2. Märchen: Anhand von je vier beschreibenden Sätzen sollten verschiedene Märchen erraten werden
3. Händeschütteln: Armdrücken – die mit Abstand lauteste, aber auch lustigste Station
4. Humor: Deutsche haben ja laut Vorurteilen keinen Humor und so durfte bei den Witzen und Gesichtsausdrücken nicht gelacht werden
5. Pünktlichkeit: für die auf einer Weltkarte eingezeichneten Punkte mussten die richtigen aktuellen Uhrzeiten geschätzt werden
6. Oktoberfest: die Bedienungen müssen mehrere Maß Bier tragen – die Schüler*innen müssen Wasserflaschen so lange wie möglich mit ausgestreckten Armen in der Luft halten.
Der Tag war ein voller Erfolg und es war so schön, die Schüler*innen auch in diesem etwas anderen Rahmen noch einmal kennenzulernen, mit ihnen zu toben, Späße zu machen und mit ihnen zu lachen. Anfangs standen die Lehrer der Stationsarbeit noch etwas skeptisch gegenüber, was aber auch wohl daran lag, dass sie das nicht kannten. Am Ende waren aber auch sie begeistert und haben beim Armdrücken gegen die älteren Schüler*innen sogar mitgemacht. Von diesem Tag bin ich völlig erschöpft und mit einem Sonnenbrand, aber glücklich nach Hause gekommen. 
Ich liebe diese Momente, in denen die Kinder einfach Kinder sind und sein dürfen. Ähnliche Situationen haben wir während der Creative Arts-Stunden, wenn wir etwas basteln und am Ende natürlich Bilder von den Kreatoren mit ihren wunderschön vollendeten Werken gemacht werden müssen. 


Ich freue mich auf die nächsten sieben Wochen und werde versuchen, sie voll auszunutzen und zu genießen, bevor es dann im August wieder zurück nach Deutschland geht. Der Abschied wird mir sehr schwer fallen, das weiß ich jetzt schon, aber daran sollte ich jetzt wohl noch gar nicht denken, sondern jeden einzelnen Tag als neues Geschenk nehmen. 

Zahnbürste, Papier und Farben. Damit lässt sich eine ganze Menge anstellen, auch eine Menge Sauerei. Aber am Ende kamen tolle Kunstwerke heraus.

Bitte lächeln! Das können sowohl meine Schüler*innen, als auch ihre selbstgebastelten Monster-Lesezeichen.

Nochmal letzte Absprachen und Instruktionen, bevor der Deutschlandtag (in passender Kleidung) beginnen kann.

Erst anfeuern, anfeuern, anfeuern und dann ein großes Gebrüll, wenn man gewonnen hat.

Nach knapp neun Monaten wieder vereint - alle vier Hoeks zusammen in Aburi auf der schlafenden Palme.

Diesen Sonnenuntergang hätte wohl kein Künstler schöner malen können. Das war der zweite Abend meiner Familie hier in Mpraeso.

Wie echte Touris stehen wir auf dieser Brücke mit dem gigantischen Ausblick. Wer genau hinschaut, könnte meine schweren Haare sehen.

Der Tag des Abflugs - mir ging's leider nicht ganz so gut, weil ich mir im RESTAURANT zum ersten Mal hier eine Lebensmittelvergiftung geholt hatte.

 

10 – April April 

Mit Waren überfüllte Shops, fünf Audis hintereinander, gefolgt von drei fetten SUVs und um die Ecke fährt ein grüner Mustang. Laute Musik dröhnt aus riesigen Boxen, die zum Teil sogar auf Laster geladen sind und durch Mpraeso fahren. Menschen strömen durch die Straßen, Koffer werden aus Taxis ausgeladen, Familien warten am Straßenrand auf ihre Verwandten, Mpraeso füllt sich immer mehr und mehr. 
Seit Wochen haben sich mein neues Zuhause und die umliegenden Orte auf dieses Fest vorbereitet – Ostern. In Obomeng wurden sogar extra dafür neue Pubs und Clubs mit Holzfassaden aufgebaut und direkt danach auch wieder abgebaut. Es wurden Bühnen errichtet, um die vielen Auftritte beherbergen zu können. Ich habe noch nie so viele Menschen im Mpraeso oder Obomeng gesehen, noch nie so viel Auswahl bei den Produkten in den Shops gehabt und auch noch nie so viele teure und dicke Autos durch die Straßen hier fahren sehen. 
Ostern in Kwahu war ein völlig neues Erlebnis für mich und ich glaube, ich habe den lautesten Karfreitag in meinem ganzen bisherigen Leben miterlebt. Während der Karfreitag in Deutschland ja eher ein zur Andacht aufrufender Tag ist, an dem es sogar verboten ist, laute Musik in der Öffentlichkeit zu spielen und an dem Diskos geschlossen haben, wurde ich dieses Jahr morgens von einer der vielen Boxen geweckt, die ab ca. acht Uhr den ganzen Ort mit Musik beschallt hat. Der gesamte „Good Friday“ war von lauter Musik begleitet. Abends sind wir dann feiern gegangen, haben die Aufregung, die hier sonst eher nicht herrscht, voll ausgenutzt und genossen, sind spät nachts (oder früh morgens, wie man es sehen will) nach Hause, haben geschlafen, nachmittags entspannt und sind am nächsten Abend wieder losgezogen. Es gab so viel Programm über die vier Tage, dass man sich häufig entscheiden musste, welchen Programmpunkt man besichtigt und welchen anderen man dafür sausen lässt. Und typisch ich, habe ich dafür also einen Plan erstellt, welche Veranstaltung um welche Zeit wo stattfindet und diesen Plan in unserer Wohnung aufgehängt. Die Menge an Menschen war einerseits echt beeindruckend und faszinierend für mich, weil ich das hier sonst nie habe, andererseits kamen damit auch die ein oder anderen Sicherheitsregeln einher: Tasche immer eng bei sich tragen, Geld und Handy, wenn man es denn überhaupt mitnimmt, am besten in die Klamotten stecken, nie alleine herumlaufen nachts – eben die typischen Festival-Regeln. 
Auf einen Programmpunkt an diesem Wochenende habe ich mich besonders gefreut: das Paragliding. Dafür hatte ich mich bereits im März registriert und dann wochenlang auf den Moment gewartet. Um acht Uhr morgens hat uns (Marianne, ihre Familie und mich) der YMCA Schulbus abgeholt und auf den Berg gefahren. Oben angekommen, hatte ich mein nächstes Frier-Erlebnis in Ghana – durch die Luftfeuchtigkeit und die Höhe war es da oben echt kalt und ich habe mir erstmal eine heiße Tasse Milo (so ähnlich wie Kakao) geholt, um mich ein bisschen aufzuwärmen. Und dann hieß es: warten, warten, warten. Erst auf die zehn Piloten, die die Tandemflüge machen, dann darauf, dass das Wetter etwas besser wird und natürlich darauf, dass die Schlange vor mir kürzer wird. Die Wartezeit habe ich mit netten Gesprächen, Seufzern, meiner Sukodu-App und dem Genießen des tollen Blicks verbracht. Nach sechs Stunden Wartezeit war es dann endlich soweit und mir wurde der Rucksack für den Flug aufgeschnallt. Nach einem Briefing meines Piloten Eduardo aus Peru, was genau ich wann zu tun habe, ging’s dann endlich los. Zuerst laufen, dann rennen, dann abheben. Mein Abflug war alles andere als elegant, das lässt sich wohl mit Sicherheit sagen, aber der Flug war trotzdem jede Sekunde meiner Wartezeit wert – das Paragliding war soooo toll. Wirklich in Worte fassen, kann ich das gar nicht; stattdessen hoffe ich, dass die Bilder, die ich hochlade, ein bisschen für sich sprechen. Und falls jemand noch mehr Bilder vom Paragliding sehen möchte, kann er gerne die Instagram-Seite meines netten Piloten besuchen: @Eduskywalker18 

Nach diesem aufregenden und erlebnisreichen Wochenende sind wir als Gruppe von sieben Leuten in den Urlaub in die Volta-Region gefahren. Durch einen Termin, den ich noch hatte, musste ich noch einen Zwischenstopp in Accra einlegen. Aber den konnte ich gut nutzen, um endlich mal mittwochabends in Accra zu Afrikiko zu gehen und dort Salsa zu tanzen. Ich war zwar bei weitem die schlechteste auf der Tanzfläche, aber es hat trotzdem unglaublich viel Spaß gemacht. 


Am Freitagabend haben wir uns dann alle in Akosombo getroffen, einem Ort, der locker als Kurort durchgehen könnte. Es ist so still, im Vergleich zu Accra nochmal mehr, und die Landschaft ist atemberaubend schön. Um genau die noch ein bisschen besser genießen zu können, sind wir nachmittags zu einem River Resort direkt am Volta-Fluss gefahren und haben dort die Aussicht, die Atmosphäre und die frische Luft nach der langen Trotrofahrt genossen. 

Am nächsten Morgen haben wir uns auf den Weg nach Wli gemacht. Von der Brücke, die von der Eastern in die Volta Region führt, durften wir nochmal einen tollen Blick auf das weite Flussbett, seitlich gerahmt von Bergen, bewundern und dann ging’s los mit einer Fahrt, die zwischendurch eher einer Runde „G’senkte Sau“ in Tripsdrill glich, weil so viele Löcher in der Straße waren und das ein oder andere davon die Sitze in eine Art Trampolin verwandelt hat, sodass die großen Menschen im Auto ein bisschen Angst um ihren Kopf haben mussten. Aber die Aussicht hat für mich alles wett gemacht und irgendwie war die ruckelige Fahrt auch lustig. Ich habe mich bereits in den ersten zehn Minuten in diese Region verliebt gehabt und mit jedem Tag, den wir dort waren, wurde die Liebe größer. 
Auf dem Hinweg haben wir einen Zwischenstopp beim Monkey Sanctuary in Tafi Atome gemacht. Nachdem wir noch einen Stand gefunden hatten, der Bananen verkauft hat, sind wir mit dem Guide durch den Wald gelaufen, um den Affen zu begegnen. Da an genau diesem Tag eine Beerdigung im Dorf war, hatten sich die Affen allerdings weit in den Wald zurückgezogen, um sich der lauten Dorfgemeinschaft zu entziehen. Am Ende hatten wir aber Glück und sind einer der insgesamt acht Kolonien begegnet. Uns wurde erzählt, dass jede Kolonie, also jede Großfamilie ca. 110 Individuen umfasst. Unser Guide hat uns noch kurz etwas über die Affen erzählt und uns dann erklärt, wie wir die Bananen am besten halten sollen, damit die anderen genug Zeit haben, um Bilder zu machen, wie der Affe auf der Schulter sitzt. Ist die Banane nämlich einmal beim Affen, kommt der nicht mehr, denn es gilt die Devise: No food, no friendship. Ich glaube, das wird auch mein neues Lebensmotto. 
Von Tafi Atome ging’s weiter zu unserer Unterkunft in Wli; und ich glaube, ich war selten in einem so schönen Hostel mit solch einer freundlichen und hilfsbereiten Bewirtung. Vincent, unser Gastgeber im Wli Waterfalls Inn, stand jederzeit bereit, wenn wir Fragen hatten, hat uns persönlich bekocht und sich sogar darum gekümmert, dass unser Transport für die Ausflüge und die Abfahrt sichergestellt ist. Unser erster Ausflug war zu den Wli-Wasserfällen und da wir uns alle sicher waren, als Wanderer zu taugen, haben wir die Wanderung zu den oberen Wasserfällen gebucht. Man, war das anstrengend, uns allen ist der Schweiß vom Gesicht getropft beim Aufstieg, nicht nur wegen der Höhenmeter, sondern vor allem wegen des Klimas, das den Körper beim Wandern doch anders beansprucht als wir es vom Wandern in Deutschland gewohnt sind. Aber für mich war es all die Anstrengung wert, denn der Ausblick vom Berg hat mir echt dem Atem verschlagen – und wieder hoffe ich, dass die Bilder für sich sprechen, denn meine Worte können diese Schönheit nicht ausdrücken. Vom Gipfel aus mussten wir dann wieder ein Stück runter, was mehr einem Kletterakt als einer Wanderung glich, aber dann kam die ersehnte Abkühlung – die Wasserfälle. Es weiß zwar keiner die exakte Höhe der Wasserfälle, aber es sind scheinbar die höchsten in Westafrika. Sobald wir dort angekommen waren, haben wir uns umgezogen und uns abgekühlt. 
Ich habe mich vielleicht sogar ein bisschen zu sehr abgekühlt, denn am nächsten Tag lief meine Nase. Aber weder das, noch der leichte Muskelkater in den Beinen haben mich nicht davon abgehalten, zur zweiten geplanten Wanderung mitzukommen – ich wollte diesen wunderschönen Teil Ghanas in vollen Zügen genießen. Also sind wir losgestiefelt, um den Berg Afadjato zu besteigen. Eine knappe Stunde ging es die circa 800 Höhenmeter fast ausschließlich bergauf, wieder in einer Art Kletterparcours und weniger als gerader Wanderweg. Mit kurzen Verschnaufpausen zwischendurch haben wir es am Ende alle geschafft und waren am Gipfel. Als wir dort ankamen, standen uns allen erstmal Fragezeichen im Gesicht und wir haben alle dieselbe Frage gestellt: Das hier ist doch der höchste Berg Ghanas? Aber warum ist der Gipfel da drüben höher? Ist das schon Togo? Ehrlich, wir haben alle nacheinander, sobald wir oben ankamen, diese Fragen in genau dieser Reihenfolge gestellt und haben alle, mit der Zeit von immer mehr Personen, dieselbe Antwort erhalten: „Das da drüben sind zwei Berge aufeinander, deswegen gilt das nicht.“ Die Antwort hat den Berg drüben zwar nicht kleiner gemacht, aber doch das Ego beruhigt, dass wir gerade wirklich auf den höchsten Gipfel Ghanas geklettert sind. Nachdem wir alle wieder runter“geklettert“ waren, sind wir noch zu den Tagbo-Wasserfällen in der Nähe gelaufen. Während des Laufens haben immer wieder einzelne oder ganze Schwärme von Schmetterlingen in allen Formen und Farben unseren Weg gekreuzt. Diese Diversität an Schmetterlingen und auch die der Pflanzen am Wegesrand haben mir mal wieder vor Augen geführt, was für einen unfassbar großen Gott ich habe. Die Wasserfälle sahen beinahe aus wie ein magischer Ort – die Sonne hat von oben auf das fallende Wasser geschienen, im Wasserbecken waren kleine Regenbögen zu sehen, die Steine haben im Wasser geglänzt und die grünen Wände um den Wasserfall haben das Ganze irgendwie gemütlich gemacht. Es war einfach wunderschön. 


Nach drei Tagen im bergigen Wli ging’s dann wieder an den Strand und zwar nach Ada Foah, wo der Übergang von Voltafluss zum großen Ozean ist. Es war der perfekte Ort zum Ausspannen nach den zwei Wanderungen. Wir sind mit dem Boot zur Unterkunft ganz am Ende des Strands gefahren worden und hatten damit nochmal einen besonders schönen Blick auf den weiten Strand, gesäumt mit Palmen und anderen Pflanzen, die alles grün gemacht haben. Am Ufer waren Fischerboote zu sehen und natürlich gab’s auch riesige Häuser, zum Teil sogar mit Schiffsgarage oder Swimmingpool mit Blick aufs Wasser. Ich kann absolut nachvollziehen, warum sich Menschen an diesen Ort ein Ferienhaus bauen – das würde ich auch machen, wenn ich das Geld hätte. 
 Obwohl es echt warm war, hat der Wind immer wieder eine schöne abkühlende Briese vorbeiwehen lassen. Für den Sand hat das nur leider nicht so viel gebracht – ich musste trotzdem Socken anziehen, um mir meine Füße auf dem sandigen Feuer nicht zu verbrennen. 
An einem Morgen bin ich von lauten, rufenden Männerstimmen aufgewacht. Als ich dann aus meiner Hütte rausgeschaut habe, habe ich gesehen, dass ein Fischerboot Schiffsbruch erlebt hatte. Die anderen haben mir dann erzählt, dass drei weitere Boote bei der Bergung geholfen haben. Und geweckt wurde ich, weil die Männer versucht haben, das größte Teil des Wracks wieder richtig herum zu drehen, um es besser an Land ziehen zu können. Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier in Ghana Fischer bei der Arbeit sehe am Morgen; wie sie die Netze aus dem Wasser und das Boot an Land ziehen und dann hinterher in einer langen Schlange das riesige Netz säubern. Für mich sieht diese Arbeit echt unfassbar anstrengend aus und ich bewundere die Geduld, mit der sie jeden noch so kleinen Dreck aus dem feinen Netz herauszupfen. 


Das war mein April – ein voller, erlebnisreicher, aufregender und wirklich toller Monat. Ein weiterer, in dem ich mich neu in Ghana verliebt habe und leider auch ein weiterer, der mich näher an meine Abreise im August rückt. Aber hey, dreieinhalb Monate habe ich noch und die werde ich nutzen! 

PS: Abena, meine ghanaische Schwester, hat vorgeschlagen, dass ich nach meinem Blog einen Reiseführer für Ghana als nächstes Projekt in Angriff nehme, weil wir so viel rumfahren und besichtigen hier. Ich glaube ja, dass ich für einen Reiseführer immer noch nicht genug gesehen habe, aber wenn ich das sage, schaut sie mich nur an und lacht. 

 

9 – Anders, schön, herausfordernd

Dieser Blogeintrag wird ein bisschen anders werden als die bisherigen, denn ich möchte nicht über einen bestimmten Zeitraum schreiben, in dem ich Erlebnisse hatte, sondern über meine Erfahrungen im Allgemeinen, die ich in meiner gesamten Zeit hier in Ghana bisher machen durfte. Dabei ist mir wichtig, schon im Vorhinein klarzustellen, dass all das, was ich schreibe, lediglich aus einer subjektiven Perspektive, aus meiner Perspektive, gesehen berichtet ist. Deshalb soll und darf mein Eintrag nicht als Maßstab für eine allgemeine Bewertung verwendet werden. Andere Menschen, die nach Ghana gekommen sind, haben andere Erfahrungen gemacht oder bewerten Situationen anders, als ich es tue. Dennoch möchte ich diesen Eintrag gerne schreiben, um einen vielleicht etwas anderen Einblick in meine Zeit und in meine Erlebnisse zu geben, als die bisherigen Blogeinträge dies getan haben. 

Beginnen möchte ich mit meiner Arbeit in der Schule. Judith und ich unterrichten ja jeden Tag eine Klasse in Deutsch und mir macht der Unterricht total viel Spaß, vor allem, wenn ich merke, dass die Schüler*innen Interesse am Fach zeigen und Fortschritte machen. Der Lautstärkepegel während des Unterrichts erschwert es allerdings manchmal, mit dem Stoff, den wir uns für den Tag vorgenommen hatten, durchzukommen und aus der ein oder anderen Stunde kamen wir dann auch schon etwas geknickt heraus, weil wir nicht den Eindruck hatten, den Kindern heute irgendetwas mitgegeben haben zu können. Eigentlich würde ich den Unterricht gerne etwas auflockern und Themen spielerisch beibringen, vor allem in den unteren Klassen, aber nach einem Spiel ist es manchmal noch lauter als davor und ich kann die verbleibenden zwanzig Minuten Unterricht überhaupt nicht mehr nutzen. Das tut mir dann total leid für die Kinder, weil ich ihnen gerne eine Unterrichtsstunde schenken würde, an der sie auch Spaß haben, aber wenn das dazu führt, dass ich nicht in der Lage bin, ihnen etwas beizubringen, dann ist für mich der Sinn von Unterricht auch etwas verfehlt. 
Die Tage, in denen der Unterricht (zumindest mir) Spaß macht und doch einigermaßen reibungslos verläuft, überwiegen glücklicherweise und ich finde es so schön zu sehen, wenn die Kinder Fortschritte machen. Sei es, dass die Aussprache besser klappt oder ein Satz grammatikalisch richtig geschrieben ist, weil sie den Satzbau verstanden haben oder die Hausaufgabe weniger Fehler aufweist als beim letzten Mal. Vor einigen Wochen haben wir mit Klasse vier Konversationen mit einfachen Fragen und Antworten eingeübt und wollten, dass zwei Freiwillige nach vorne kommen und ihren vorformulierten Dialog vor der Klasse vorstellen. Anfangs hat sich niemand gemeldet. Dann haben wir der Klasse erklärt, dass es überhaupt kein Problem ist, wenn das Gespräch nicht perfekt ist und ein paar Fehler beinhaltet; sie sind ja hier zum Lernen und zum Üben und da muss nicht alles fehlerfrei sein. Nach dieser Ansprache war erst einmal Ruhe in der Klasse, dann haben sich zwei Freiwillige gemeldet, die wir nach ihrer eben nicht perfekten Vorstellung gelobt haben und plötzlich wollten ganz viele weiter Schüler*innen ihren Dialog auch vorstellen. Das war ein Moment, in dem mir das Herz aufgegangen ist, weil ich das Gefühl hatte, ich konnte die Kinder ermutigen, keine Angst vor Fehlern zu haben und damit vielleicht sogar die Erfahrung zu machen, dass auch etwas mit Fehlern sehr gut sein kann. Ich möchte noch einmal betonen, dass es sich hier um die deutsche Sprache handelt, die die Kinder als Fremdsprache erlernen. Deutsch ist so schwer und je länger ich unterrichte, desto deutlicher wird das für mich. Hier mal ein paar Beispiele: Die zweite Person Plural heißt „ihr“ und so bringen wir das erstmal bei. Dann lesen wir einen Text, in dem der Satz „Lena und ihr Bruder leben mit den Eltern in einem Haus“, steht. Tja, hier hat das Wort „ihr“ eine völlig andere Bedeutung, es ist nämlich ein Possessivpronomen und bezieht sich kein bisschen auf die zweite Person Plural. Possessivpronomen an sich sind ein spezielles Thema, denn bei der Verwendung in einem Satz muss man sowohl auf die Person achten, deren Objekt es ist, als auch auf das Objekt, das dadurch beschrieben wird. Wenn Max einen Hund hat, ist es „sein Hund“, wenn er eine Katze hat, ist es aber nicht „sein Katze“, sondern „seine Katze“. Und dann gibt’s da auch noch die ganzen Fälle, die die Grammatik erschweren. Im Dativ muss man sagen: „Max spielt mit seinem Hund“ - schon wieder eine andere Deklination des Pronomens. Im Akkusativ hingegen müsste man sagen: „Max streichelt seinen Hund.“ Für die Fälle im Deutschen gibt es im Englischen kein wirkliches Gegenüber. Man könnte zwar die Begriffe des direkten und indirekten Objekts verwenden, aber auch das hilft nur bei den Anfängen. 
In einer Klassenarbeit muss ich dann bewerten, was falsch und was richtig ist. Nun ist es so, dass manche Schüler besser in Deutsch sind, wohingegen andere sich sehr schwer tun mit dem Erlernen einer fremden Sprache. Muss ich deshalb jemandem, der endlich das Wort „Wassermelone“ richtig schreibt weniger Punkte geben, als jemandem, für den das nie ein Problem dargestellt hat und der mir sogar ein Verb fehlerfrei konjugiert? Beide haben gelernt, beide haben für ihre Verhältnisse Fortschritte gemacht und damit etwas erreicht, aber einer eben eher im Kleinen, der Andere in einem größeren Maßstab. Manche Schüler*innen sind schneller als andere, ihnen fällt das Lernen leichter, sie haben ein intuitives Sprachgefühl und fassen neue Grammatik schnell auf. Aber deswegen muss ich doch auch die Erfolge der Schüler*innen wertschätzen und loben, die es jetzt schaffen, Substantive großzuschreiben. Ich war lange am Überlegen, ob ich Lehramt studieren möchte und mir macht die Arbeit im Unterricht ja auch echt Spaß oder auch, wenn ich die Kinder bei Aktionen und in der Pause mal außerhalb des Unterrichts kennenlerne, aber das Bewerten von Leistung ist etwas, das mir unfassbar schwerfällt und wogegen ich mich ab und zu auch sträube. Im deutschen Schulsystem wäre das allerdings nicht anders und diese Tatsache lässt mich vor dem Studiengang etwas zurückschrecken. 

Ich hatte vorhin die Lautstärke im Unterricht angesprochen und in einem meiner letzten Blogartikel erwähnt, dass die Lehrer einen Stock haben, mit dem sie die Kinder zur Strafe schlagen. Ich wusste schon vor meiner Abreise, dass die Kinder hier in der Schule geschlagen werden und das auch zu Hause nicht unüblich ist als eine Erziehungsmaßnahme. Zu Beginn meiner Zeit war diese Strafe für mich noch nicht so präsent und ich habe in der Schule nur selten gesehen, dass ein Kind geschlagen wurde. Doch in den letzten Wochen und Monaten wurde das immer häufiger und in Gesprächen mit Schüler*innen oder auch mit unserer Gastschwester Abena bekomme ich immer mehr mit, wie viele unterschiedliche Methoden Lehrer*innen und Eltern bei körperlichen Strafen entwickeln. Es fängt an mit unterschiedlich vielen Schlägen mit dem Stock, geht über verschiedene Körperstellen, die je nachdem mehr oder weniger empfindlich sind, es können auch mehrere Stöcke auf einmal verwendet werden, der Stock kann ins Wasser getaucht werden und zu Hause wird nicht immer ein Stock verwendet, sondern auch mal ein Gürtel. Nicht selten passiert es, dass Schüler*innen Narben von den Schlägen davontragen und bei manchen von ihnen bleiben diese ein Leben lang. Doch, wie gesagt, gibt es neben dem Schlagen noch weitere körperliche Maßnahmen als Strafe. Zum Beispiel das lange Knien in „Gari“ (ein Maniokprodukt, dessen Konsistenz sich mit sehr feinen, aber harten Brotkrumen vergleichen lässt). Danach, so wurde uns erzählt, tun die Knie unfassbar weh und sogar das Laufen fällt schwer. 
Je mehr ich höre und mitbekomme, umso wütender machen mich diese Strafen. Wenn ich in der Schule meine Meinung gegenüber den Lehrern äußere, bekomme ich meist die Antwort, dass afrikanische Kinder eben undisziplinierter seien und es keine andere Lösung gebe. Für mich persönlich hat das nichts mehr mit Kultur zu tun, sondern mit dem Recht von Kindern auf Unversehrtheit und ihr eigenes Wohl. Und auch in Deutschland war es lange üblich, Kinder in der Schule zu schlagen, wobei da bestimmt auch der ein oder andere dachte, dies wäre die einzige Lösung. Aber schauen wir uns Deutschland heute an, sehen wir, dass es auch andere Wege gibt, Kinder zu erziehen, ohne Schläge. Eigentlich gibt es in Ghana auch ein Gesetz, dass Kinder in der Schule nicht mehr geschlagen werden sollen, aber da das niemand wirklich kontrolliert, wird es an vielen Schulen eben weiter so gehandhabt. Sogar die älteren Schüler*innen nutzen den Stock manchmal, wenn sie die Aufsicht in einer der jüngeren Klassen übertragen bekommen. Ich dachte, genau die würden das nicht tun, weil sie wissen, wie schmerzhaft das sein kann. Aber ich habe den Eindruck, dass sich diese Bestrafung schon so eingeprägt hat und der Triumph darüber, auch endlich mal die Macht zu haben so überwiegen, dass sie gar nicht anders können oder wollen. Mich stimmt das traurig und wütend zugleich und ich wünschte, ich könnte aktiver etwas dagegen tun, aber bisher ist mir nichts besseres eingefallen, als meine Einstellung weiterhin resolut zu vertreten und die Tradition, dass die Weißen an der Schule nicht schlagen, fortzuführen. 

Apropos „Weiße“: Wegen unserer Hautfarbe werden wir nicht nur häufig „Obruni“ auf der Straße genannt, auch nach unseren Handynummern, nach Geld oder Essen wird oft gefragt. Unsere Hautfarbe impliziert für sehr viele Menschen noch ein Bild, das durch die Kolonialzeit geprägt wurde: Weiße sind etwas Besseres, wenn man mit jemand Weißem befreundet ist, kann man damit angeben und Weiße haben Geld, viel Geld. Ich sehe durchaus, dass wir auch als Freiwillige einen sehr sehr guten Lebensstandard hier haben, dennoch würde ich uns nicht zu der reichen Bevölkerungsschicht in Ghana zählen. Auch wir können uns nicht die teuersten Hotels oder Restaurants leisten, wir sitzen genauso wie die Mehrheit der Ghanaer im warmen Trotro für die Fahrt nach Accra und wir achten in der Wohnung darauf, dass wir das Licht ausschalten, wenn wir den Raum verlassen, damit die Stromrechnung nicht zu hoch wird. Natürlich kann ich dem Taxifahrer die zwei Cedis Rückgeld mal lassen oder dem Mann, der an der Ampel bettelt, meinen eben gekauften Apfel geben, aber ich kann nicht mit Geld um mich schmeißen und ich möchte das Bild vom supperreichen Weißen eigentlich auch nicht weiter nähren, denn es trifft eben nicht auf alle zu. Wenn mich jemand, ohne überhaupt eine richtige Konversation mit mir gehabt zu haben, nach meiner Nummer fragt und mir sagt, er möchte mein Freund sein, antworte ich inzwischen, dass er mich doch gar nicht wirklich kennt und gar nicht weiß, ob ich nicht eigentlich eine total unhöfliche und respektlose Person bin, mit der er gar nicht befreundet sein will. In den Momenten fühle ich mich nicht wirklich wahrgenommen, ich habe den Eindruck, dass nur meine Hautfarbe und gar nicht mein Charakter eine Rolle spielen, dass ich als „Weiße“ gesehen werde und nicht als „Lea“. Natürlich ist es hier wichtig, anzumerken, dass das nicht bei allen Menschen so ist, die ich hier treffe. Ich durfte auch echt tolle Personen kennenlernen, die mich als Individuum, als mich, sehen und kennenlernen möchten und die ich als Freunde unfassbar wertschätze. 

Zum Schluss möchte ich noch eine Sache in der ghanaischen Kultur ansprechen, die mir in Deutschland sehr fehlen wird – die Hilfsbereitschaft. Wenn in Deutschland jemand suchend und etwas verloren aussehend am Bahnhof steht, ist es eine Seltenheit, dass ihn jemand anspricht und fragt, ob er irgendwie weiterhelfen kann. Stattdessen muss die Person, die sowieso schon verwirrt ist, auf jemanden zugehen und fragen, ob der andere so nett ist und weiterhelfen kann. Jetzt stelle man sich vielleicht noch vor, dass die nach Hilfe suchende Person aus dem Ausland kommt, die deutsche Sprache (noch) nicht besonders gut spricht und nach der Wagenreihung des ICEs nach Berlin sucht. Ich meine, die deutsche Bahn ist schon für Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind häufig eine Herausforderung. Wie groß muss diese Herausforderung für Menschen sein, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und sich auch sonst nicht wirklich auskennen. 
Ich mache gerade quasi die Erfahrung andersherum. Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, wie das mit den Trotros funktioniert und auch jetzt weiß ich an einem fremden Ort nicht, zu welcher Station ich muss, um ein Auto in die richtige Richtung zu bekommen. Ich bin in diesen Situationen auf die Hilfe anderer angewiesen. Das ist einer der Momente, in denen ich die ghanaische Hilfsbereitschaft erfahren darf. Noch nie ist es mir passiert, dass ich länger als zwei Minuten verloren an einer Station stand. Bisher kam immer jemand auf mich zu, hat mich gefragt, wo ich hin muss und häufig begleitet mich dann sogar jemand bis zum richtigen Auto und geht sicher, dass ich sitze und alles hab. Mir ist hier bewusst geworden, wie oft Menschen (ich bestimmt auch oft genug) mit Scheuklappen durch den Alltag gehen in Deutschland, nicht sehen oder sogar nicht sehen wollen, wenn jemand Hilfe benötigt. 
Und nicht nur an der Trotro-Station darf ich diese Hilfsbereitschaft erfahren. Es kam inzwischen schon häufiger vor, dass meine Nachbarin am frühen Abend mit meiner trockenen Wäsche vor der Tür stand, die sie am Nachmittag, während ich noch in der Schule war, für mich abgehängt hatte, weil es angefangen hatte zu regnen. Mindestens einmal die Woche läuft eine andere Nachbarin an unserem Fenster vorbei, fragt, wie es uns geht und ob alles in Ordnung ist. Und als vor wenigen Tagen das Wasser am Reservoir nicht mehr lief und wir leider selber keinen Vorrat mehr hatten, hat mir eine Frau, die auch im Haus lebt, einen ihrer Eimer gegeben und meinte, sie hat genug und bekommt sonst auch irgendwie sicher noch welches. 
Auch die Gastfreundschaft, die damit einhergeht, beeindruckt mich immer wieder. Diese Gastfreundschaft ist schon beim Essen erkennbar, denn statt „Guten Appetit“ wird hier „You’re invited“, gesagt. Ich bedanke mich dafür meistens, esse aber nicht mit, auch, wenn ich das dürfte. Ich weiß nicht, wie oft ich inzwischen zu jemandem eingeladen wurde, dort sogar übernachten durfte, mit Essen versorgt wurde und mir bei meiner Abreise gesagt wurde, dass ich gerne jederzeit wiederkommen kann. 
Ich bin so dankbar für all die Hilfe, die wir hier bekommen und ich möchte etwas von dieser unfassbar großen Hilfsbereitschaft mitnehmen, wenn ich wieder zurück nach Deutschland komme. Ich möchte meine Scheuklappen ablegen und mit offenen Augen durch die Welt laufen – meine Hilfe anbieten wo ich kann und damit vielleicht sogar dafür sorgen, dass Menschen sich in Deutschland wohl- und willkommen fühlen. 

Gemeinsames Fufu-Essen vor wenigen Wochen. Meine Finger haben durch die nicht ganz unscharfe Suppe ein bisschen gebrannt nach dem Essen.

Hoch die Hände, Wochenende. Nach dem Essen kam eine Foto-Spring-Session im Aburi Botanical Garden.

Auf dem Weg zum Botanischen Garten durfte ein bisschen Palmwine - eins der typischen natürlichen ghanaischen Getränke - auf dem Weg nicht fehlen.

Das kommt dabei raus, wenn man sein Handy für ein paar Minuten aus der Hand gibt - süße und verwackelte Bilder ;)

8 – Alltag und doch neu 

Blogeintrag Nummer acht – der erste in der zweiten Hälfte meines Freiwilligendienstes. Ja, es ist tatsächlich schon mehr als die Hälfte meiner Zeit in Ghana rum und es hat sich total komisch angefühlt, als in der Mail mit der Einladung für das Zwischenseminar der Programmpunkt „Vorbereitung auf die Rückreise nach Deutschland“ auf der Agenda stand. Ich bin doch gerade erst so richtig hier angekommen…
 Aber das war zum Glück nicht der einzige Programmpunkt während des Zwischenseminars. Anfang Februar haben wir vier Freiwilligen vom CVJM uns mit zwei tollen Leitern beim YMCA in Koforidua getroffen, um über unsere bisherigen Erfahrungen zu sprechen, noch etwas mehr dazuzulernen und gerüstet in die zweite Halbzeit unseres IFDs zu starten. Für mich war das Seminar eine große Bereicherung. Ich konnte Fragen stellen über Situationen und Verhaltensweisen, die mir unbekannt und vielleicht auch etwas suspekt waren und habe von Veronica, einer der Mitarbeiterinnen des YMCA in Accra, eine Erklärung bekommen, die auf ihrem Wissen als Ghanaerin basiert und mir dadurch nochmal eine neue Sichtweise geschenkt hat. Zum Beispiel war es für mich immer etwas ungewohnt, dass mich die Nachbarn, manche Lehrer und auch ein paar der Schüler*innen gefragt haben, was ich ihnen nach einer Reise mitgebracht habe. Na klar, ich habe in Deutschland auch ab und zu mal ein Souvenir mitgebracht, wenn ich aus dem Urlaub zurückkam, aber dann höchstens meinen wirklich engen Freunden. Als ich das beim Seminar angesprochen habe, wurde mir folgendes erklärt: Es ist hier in Ghana tatsächlich üblich, dem Umkreis eine kleine Aufmerksamkeit mitzubringen, wenn man von einer Reise zurückkommt. Es muss nicht einmal eine Reise gewesen sein, es kann auch „nur“ der Besuch über das Wochenende im Heimatdorf sein, von dem man wieder nach Hause kommt. Und noch etwas ist wichtig: während wir in Deutschland ja gerne Karten verschenken, ist das in Ghana nicht unbedingt ein beliebtes Geschenk. Stattdessen wird eher etwas mitgebracht, das verwendet und aufgebraucht werden kann, also was „Praktisches“ oder „Nützliches“. Hier hängt sich kaum jemand eine hübsche Ansichtskarte an die Wand; es werden lieber die mitgebrachten Kochbananen zu einer leckeren Mahlzeit gezaubert. Diese Belehrung ist sehr hilfreich und ich weiß jetzt, dass ich nach meiner nächsten Reise einfach ein bisschen was für den engeren Umkreis mitbringen kann.
 An einem der Seminartage haben wir einen der Chiefs in Koforidua besucht. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir das Chief-System, das hier existiert, sehr unbekannt und auch etwas unbegreiflich. Als wir dort ankamen, wurden wir in ein Zimmer mit mehreren Sofas geführt und am Kopf dieser Konstellation stand ein prächtiger Stuhl, fast schon ein bisschen wie ein Thron. Dann wurde uns von den zwei Männern, die uns hereingeführt haben, Wasser gebracht und wir haben gewartet. Sobald der Chief den Raum betreten hat, sind wir alle aufgestanden, um ihm die angemessene Ehre zu erweisen. Erst, als er sich hingesetzt hat, durften auch wir uns wieder setzen. Danach wurden wir von einem der Männer offiziell begrüßt und sind dann noch einmal alle aufgestanden und der Reihe nach zum Chief gelaufen, um ihn mit einem Handschlag zu begrüßen. Hinterher hat unser Leiter uns alle vorgestellt und einer der Männer hat als eine Art „Übersetzer“ für den Chief wiederholt, was eben gesagt wurde. Diese Funktion des sogenannten „Speakers“ ist typisch in Ghana, gerade, wenn man mit einer ranghöheren Person spricht. Somit wird diese nämlich nicht direkt angesprochen und spricht auch nicht direkt mit den Besuchern, sondern es wird über den Speaker kommuniziert – so erfordert es das Protokoll. Nachdem auch das Geschenk der Besucher übergeben wurde, hat das begonnen, weshalb wir eigentlich dort waren; und zwar durften wir Fragen zum Chief-System stellen. Dafür hat der Chief sogar das Protokoll Protokoll sein lassen und hat darauf verzichtet, über den Übersetzer zu kommunizieren. Durch diese Fragestunde habe ich verstanden, wofür das System und die Chiefs da sind. Sie lassen sich ein bisschen mit einem Bürgermeister vergleichen, denn sie sind für die Verwaltung einer Kommune zuständig. Sie vertreten diese Kommune und deren Interessen vor der höheren Politik, um so Geld für zum Beispiel die Infrastruktur oder für Schulen zu erhalten. Manche Chiefs werden innerhalb der Familie oder des Clans gewählt, andere folgen der Reihenfolge der Geburt. Der Besuch hat mich eine Menge über dieses System gelehrt und ich war beeindruckt davon, wie breit aufgestellt und offen dieser Chief war und was für ein unglaubliches Wissen er über die Geschichte der Eastern Region hatte.

Nach dem fünftägigen Seminar ging es wieder zurück nach Mpraeso und in die Schule, in der seit Mitte Januar das erste Trimester des neuen Schuljahres angefangen hat. Seit diesem Jahr dürfen Judith und ich noch etwas mehr unterrichten als die tägliche Stunde Deutsch. In den Klassen eins, vier, sechs und sieben unterrichten wir jetzt auch Creative Arts. Dieses Unterrichtsfach beinhaltet sowohl theoretische als auch praktische Einheiten. Das bedeutet, dass wir mit den Schülern auch die ein oder andere praktische Arbeit machen dürfen. Mit Klasse sieben haben wir beispielsweise Taschen aus alten T-Shirts genäht, als es um das Thema Umwelt und Umweltverschmutzung ging. Und in Klasse sechs sind die Schüler*innen gerade dabei, in Gruppen eine eigene Geschichte zu schreiben, die sie dann vorstellen dürfen. Der Unterricht macht total Spaß, aber was ich beinahe noch mehr schätze, sind genau solche etwas freieren Arbeiten oder auch das Zusammensitzen mit ein paar der Kinder in den Pausen, denn so lerne ich sie auch außerhalb des Unterrichts kennen, kann über ihre Freizeit reden, ihnen Fragen beantworten und durch meine eigenen Fragen an sie eine weitere Perspektive zu Ghana dazugewinnen. Meine Haare sind weiterhin ein großes Phänomen und ich bekomme fast wöchentlich eine neue Flechtfrisur. Gerade wenn Schülerinnen aus den höheren Klassen meine Haare flechten, sieht das häufig richtig gut aus, weil die Mutter der ein oder anderen Friseurin ist und sie als Töchter ab und zu im Salon helfen.
Seit dem neuen Schuljahr fallen auch manche Corona-Beschränkungen weg. So findet nun wieder die allmorgendliche Versammlung vor dem Unterricht statt. Dafür stellen sich alle Schüler*innen der Klassen eins bis acht nach ihren Klassen geordnet auf dem Schulhof auf. Zwei Schüler*innen der Abschlussklasse leiten diese „Morning Assembly“, bei der unter anderem die Schulhymne, die Nationalhymne, das nationale Gelöbnis und das Vaterunser gesprochen bzw. gesungen werden. Die Versammlung wird manchmal auch von den Lehrern genutzt, um am Ende eine Ansprache für alle zu halten oder über etwas zu informieren. Mittwochs findet vor dem Unterricht auch noch eine Lobpreis-Session statt. Dafür teilen sich die Klassen auf insgesamt zwei Klassenräume auf, in denen dann gesungen und gebetet wird. Zwischendurch hält einer der Lehrer*innen noch eine Andacht und am Ende wird ein Opfer eingesammelt. Der Lobpreis und die Gebete werden meistens von einem Senior, also einem älteren Schüler oder einem Lehrer angeleitet. Sie geben also auch vor, für was als nächstes gebetet wird, u.a. einfach ein Danke dafür, dass man diesen Tag erleben darf. Auch mir wird dadurch bewusst, was für ein Geschenk jeder einzelne Tag eigentlich ist und wie dankbar ich dafür sein kann.

Nicht nur in der Schule vertiefen sich die Kontakte, auch außerhalb meiner Einsatzstelle durfte ich in den letzten Wochen und Monaten wundervolle Menschen kennenlernen. Und nicht selten nutze ich die Wochenenden inzwischen dafür, um diese Personen wiederzusehen und zu besuchen. So war ich am Valentinstag mit einem Freund bei einem seiner Fotoshootings in einem Pub und durfte am Ende auch selbst versuchen, ein paar Bilder zu machen. Die sahen aber natürlich bei weitem nicht so gut aus wie seine.
 Auch beim Asabaako-Festival in Busua, einem kleinen Ort direkt am Meer mit einem wunderschönen Strand, durfte ich wieder neue Kontakte knüpfen und auch bekannte Gesichter wiedersehen. Trotz Feiern am Freitag durfte die Surfstunde am Samstagnachmittag natürlich nicht ausfallen. Dieses Mal sollte ich sogar schon probieren, ohne Knie, also direkt im Sprung in die Standposition zu kommen. Das hat zu einer Serie des Ins-Wasser-Fallens vom Feinsten geführt, aber es hat soo Spaß gemacht und tatsächlich ein paar Mal geklappt, sodass ich bis zum Strand auf dem Board stand. Als mein Surflehrer mich nach dem zweiten stehenden Erfolg loben wollte, meinte ich, er sollte das nicht zu früh tun. Daraufhin musste er lachen und hat mich, nachdem es danach direkt wieder geklappt hat, gefragt, ob er mir jetzt ein Lob aussprechen dürfte. Ich wollte das zwar immer noch nicht hören, weil ich mir sicher war, dass es danach schief geht, aber er hat darauf bestanden.
 Ich freue mich riesig darüber, dass ich hier so viele tolle Personen kennenlernen und mit ihnen über so vieles reden darf. Ich genieße die Gespräche total und fühle mich durch diese ganzen Kontakte, die sich mit der Zeit auch immer weiter vertiefen, noch wohler – sie machen Ghana immer und immer mehr zu einem Zuhause. Und ich weiß jetzt schon, dass mir der Abschied unfassbar schwerfallen wird, aber ich tröste mich damit, dass ich noch fünf weitere Monate hier haben und genießen darf.

Zum Schluss möchte ich noch zu einem anderen Thema schreiben. Und zwar kostet mein Freiwilligendienst hier relativ viel Geld. Durch die Unterstützung der Organisation „weltwärts“, die vom Bund getragen wird, muss der CVJM nicht alles zahlen. Dennoch belaufen sich die Kosten für den CVJM pro Volontär*in auf ca. 3.000 Euro für das Jahr. Damit der CVJM nicht auf all diesen Kosten sitzen bleibt und somit auch in Zukunft noch diese tolle Chance des Freiwilligendienstes für andere junge Menschen anbieten kann, wäre es toll, wenn die Freiwilligen Spenden sammeln. Und darum möchte auch ich bitten. Auf meinem Blog gibt es die Seite zum Thema Spenden, auf der auch noch einmal alles genauer erklärt ist. Ich würde mich sehr freuen, wenn auch ich durch die gesammelten Spenden dazu beitragen kann, dass der CVJM weiterhin Freiwilligendienste anbieten kann. Ich bedanke mich jetzt schon einmal für jede*n Spender*in und jede Gabe. 

Ich hoffe, ich konnte in diesem Blogeintrag wieder ein bisschen Ghana nach Deutschland bringen. Vielen Dank fürs Lesen und bis bald. Vielleicht schaffe ich es, noch vor Ostern einen weiteren Eintrag hochzuladen. Ansonsten darf sich jeder auf den Oster-Eintrag freuen, denn das Osterfest wird hier in Kwahu, also direkt vor meiner Haustür, mit einem riesen Fest gefeiert. Aber dazu dann mehr, wenn ich es wirklich selbst erlebt habe. 

Begrüßungsrunde beim Chief in Koforidua - so ein bisschen underdressed habe ich mich schon gefühlt...

Ghana wäre nicht zu einem Zuhause geworden, hätte ich nicht so wundervolle Menschen und wertvolle Freunde gefunden - hier beim Feiern nach dem Shooting.

Gruppenarbeit beim Thema "Story Telling" in Klasse sechs. 

Die Nachwuchsfriseure probieren sich an meinen Haaren. Demnächst möchte ich mir dann auch Braids bei den Profis machen lassen.

Zum Schluss vielleicht noch was Kleines zum Schmunzeln... So halten die Schüler uns auseinander: 
Madam Judith (little shot)
Madam Lea (tall)

7 – Von Nord nach Süd nach West 

Teil 2 unserer Reise 

Wie schon angekündigt kommt hier nun der zweite Teil meines Reiseberichts – unsere „Küstentour“. 
 Von Larabanga im Norden ging es an einem Tag den ganzen Weg zurück in den Süden. Anfangs kamen wir echt gut voran und hatten die Hoffnung, nicht all zu spät in der Nacht im inzwischen schon etwas bekannten Cape Coast anzukommen. Tja, diese Hoffnung ist mit jeder weiteren Stunde, die wir im Bus in Kumasi saßen und auf die Abfahrt gewartet haben, geschwunden. Und ja, ich schreibe bewusst „Stunde“, denn in Summe mussten wir vier Stunden warten, bis endlich alle Plätze im Bus besetzt waren und wir abends losgefahren sind. Zum Glück hatte ich mein Kissen dabei und konnte während der fünf bis sechs Stunden langen Fahrt ein bisschen schlafen. So gegen halb zwei nachts sind wir dann in Cape Coast angekommen. Vielleicht fragt sich jetzt jemand, warum wir diese gesamte Strecke denn an einem Tag zurückgelegt haben. Hier die Antwort: bei unserem ersten Aufenthalt in Cape Coast wurde uns gesagt, dass es kaum einen besseren Ort gibt, um Silvester zu feiern als am Strand und am besten an dem in Cape. Da unsere Reise in den Norden etwas gedauert hat, mussten wir also am 29. Dezember den ganzen Weg zurückfahren, um dann noch einen Tag zur Erholung zu haben, bevor die große Party steigt. 
 In der Freiwilligen-Gruppe auf WhatsApp haben sich seit Weihnachten immer mehr Volontäre gemeldet, die an Corona erkrankt sind. Über Weihnachten und Silvester gab es gerade an der Küstenregion eine ganze Menge Corona-Fälle, allen voran in Accra. Das liegt daran, dass über diesen Zeitraum viele Besucher aus Europa oder den USA kommen, die das Virus mitbringen. Außerdem feiern die Menschen zusammen und da es keine Test- oder Maskenpflicht in den Clubs gibt, konnte sich das Virus unfassbar schnell verbreiten in diesem Zeitraum. Für die Silvesterparty wurde gebeten, dass jede*r, der die Möglichkeit hat, sich testen lässt. Also haben wir herumgefragt, wo wir einen Schnelltest machen können. In Deutschland wüsste ich die Antwort, oder besser gesagt, die Antworten: Schnelltestzentrum, Selbsttests bei dm oder Apotheke. Hier sieht das anders aus und am Ende haben wir tatsächlich keinen Schnelltest bekommen, denn Apotheken verkaufen keine, die Krankenhäuser testen nicht einfach so ohne Symptome und Schnelltestzentren findet man höchstens in Accra. Also sind wir ohne Schnelltest zur Party und glücklicherweise ist keine von uns krank geworden. 
 Am letzten Abend des alten Jahres haben wir uns gegen 22:00 Uhr auf den Weg in die Kirche gemacht. Fast alle Menschen um uns herum waren weiß gekleidet und leider haben wir erst im Nachhinein mitbekommen, dass das hier so eigentlich üblich ist am Silvesterabend. Naja, wir stachen mit unseren bunten Kleidern dann eben noch mehr aus der Menge heraus, obwohl wir das mit unserer Hautfarbe ja sowieso schon taten. Der Gottesdienst war auf Fanti, einer leichten Abwandlung von Twi, weshalb ich nicht ganz so viel verstanden habe. Aber neben mir saß eine Frau, die mir immer gesagt hat, wann ich aufstehen und mich hinsetzen soll und die mich zum Mittanzen bei den Liedern animiert hat. Das hat mich total gefreut und war ein schönes Erlebnis, weil ich mich dadurch ein Stück weit integriert und nicht als völlig Fremde gefühlt habe. So gegen halb zwölf haben wir die Kirche wieder verlassen, um noch kurz vor Mitternacht am Strand sein zu können und uns was zu trinken zu holen, damit wir auf das neue Jahr anstoßen können. Und dann war es so weit: Punkt null Uhr wurde das große Lagerfeuer am Strand entzündet und die ersten Raketen in den schwarzen Himmel über dem rauschenden Meer geschossen. Dieser Moment war so unbeschreiblich schön und ich bin mir fast sicher, dass das nicht mein letztes Silvester in Ghana am Strand gewesen sein wird. Nach dem Feuerwerk ging die Feier dann so richtig los. Es waren so viele Freiwillige da – aus Großbritannien, Belgien, Deutschland, … Und alle, unwichtig welcher Nation wir angehören, haben auf der Tanzfläche getanzt und den Beginn des Jahres 2022 gefeiert. Als der DJ aufgehört hat aufzulegen, war es dann auch schon fast Morgen und wir haben entschieden, dass es sich nicht lohnt, nach Hause zu gehen, sondern wir lieber am Pier den Sonnenaufgang über dem Meer anschauen. Diese Entscheidung war eindeutig die richtige, denn die Atmosphäre bei der „Sunrise-session“ war so schön. Ein Musiker hat auf seiner Akustik-Gitarre ziemlich gute Cover gespielt und nebenbei hat ein letztes Lagerfeuer ein bisschen Wärme gespendet. Nachdem das irgendwann auch abgebrannt war, sind wir zurück ins Hostel und dort bin ich dann totmüde ins Bett gefallen. 
 In dieser Nacht haben wir zwei weitere deutsche Freiwillige kennengelernt, die aus dem Norden angereist sind und uns dann spontan auf unserer letzen Woche Reisen begleitet haben. Zu sechst haben wir uns auf den Weg nach Princesstown gemacht, einem kleinen Ort weiter westlich an der Küste. Dort haben wir einen Pastor besucht, der Teil der Organisation „Neues Leben Ghana“ ist, zu derJudiths Familie Bezug hat und worüber sie auch diesen Kontakt erhalten hat. Der Pastor und seine Frau führen ein Kinderheim in Princesstown, das zur Zeit zehn Kinder beherbergt. Das Ehepaar ist unfassbar lieb und auch die Kinder haben unsere Zeit dort bereichert. Das Projekt mit dem Kinderheim und sogar einer Schule ist wirklich toll und der Pastor hat uns auch von den Plänen, die für einen Ausbau vorliegen, erzählt, welche es sich lohnt zu unterstützen. 
 Wir durften die zwei Nächte dort kostenlos übernachten und wohnen und wurden mit leckerstem Essen versorgt. Am vierten Januar hatte Marianne Geburtstag und wir haben nachts am Strand ein bisschen reingefeiert. Mittags wurde das typisch ghanaische Essen "Fufu" zubereitet. Es besteht aus Casava, Plantains und wer möchte, kann auch noch Yam dazumischen. All das wird gekocht und dann mit einem Stampfer in einem Behälter zu zähen Klumpen gestampft. Gegessen wird die Mischung mit einer Suppe; entweder Light-Soup oder Groundnut-Soup. Natürlich haben wir beim Zubereiten geholfen und das Stampfen ist anstrengender und schwieriger als es aussieht, aber das Ergebnis ist total lecker. Am Abend saßen wir mit dem Pastor, seiner Frau, einem Teil seiner Familie und mit den Kindern zusammen, haben Musik gehört, einen Linedance beigebracht, zusammen Macarena getanzt und Limbo gespielt. Der Abend war wunderschön und zum krönenden Abschluss ihres Geburtstags, durfte Marianne noch zwei Feuerwerksraketen in die Luft schießen. 
 Am nächsten Morgen sind wir los zur einzig noch erhaltenen deutschen Festung, die in Ghana existiert. Während die Deutschen dort als Kolonialherren herrschten, haben sie die Einwohner von Princesstown selbst nicht versklavt, sondern mit Menschen aus dem Hinterland gehandelt. Nach der Übernahme durch andere Nationen wurden auch die Einwohner vor Ort als Sklaven gehandelt. Dennoch war die Festung, die von Deutschen gebaut wurde, schon immer als Stützpunkt für Sklavenhandel gedacht und ist als solcher genutzt worden. Für mich ist diese Vorstellung immer noch völlig absurd, dass man Menschen versklavt und mit ihnen Handel betreibt. Diese Kolonialzeit hat so viel beeinflusst, meistens negativ: der bis heute bestehende wirtschaftliche und politische Unterschied zwischen vielen afrikanischen und vielen europäischen Ländern, die Diskriminierung und der Rassismus gegenüber PoC oder auch die, meiner Meinung nach, häufig unberechtigte Lobpreisung europäischer Länder wie Deutschland. 

Der letzte Stopp unserer gemeinsamen Reise war in Busua. Dort gibt es einen wunderschönen Strand, an dem sich unter anderem eine Surfschule befindet. Von den letzten Freiwilligen haben wir schon gehört, dass sie hier die ein oder andere Surfstunde hatten und diese Möglichkeit wollte auch ich mir nicht entgehen lassen. Mein Surflehrer war total lieb und sehr geduldig mit mir. Nach einem kurzen Warm-up mit Balanceübungen wurden mir die Bewegungsabläufe erst am Strand gezeigt, also wortwörtlich die Trockenübung. Als der Ablauf dann drin war, ging’s ins Wasser, wo ich natürlich eine Reihe spektakulärer und weniger spektakulärer Fälle in die Wellen hingelegt hab. Aber gegen Ende der Surfstunde stand ich tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Surfbrett und habe diesen Erfolg dann sogar noch ein paar Mal wiederholt. Als Anfänger habe ich die großen Wellen natürlich noch gemieden und erst einmal in den schon gebrochenen in der Nähe des Strands angefangen und bin auch noch nicht in die stehende Position gesprungen, sondern über die Knie aufgestanden, aber selbst das war schon genug Sport und der Muskelkater in den Armen und auch etwas in den Beinen war deutlich zu spüren. Ich bin es einfach nicht gewohnt, diese Muskelgruppen so zu trainieren. Dennoch hat es so Spaß gemacht, dass ich auf eine zweite und dritte Unterrichtsstunde nicht verzichten wollte und so noch zwei Mal mit dem Brett ins Wasser bin am nächsten Tag. Nach diesen drei Einheiten habe ich abends den Profis zugeschaut und war noch beeindruckter als bereits davor schon, mit welcher Leichtigkeit sie auf den Wellen reiten können. 
 Die Abende in Busua haben wir damit verbracht, am Strand entlangzulaufen oder gemeinsam in einer Lodge zu sitzen, einen leckeren Cocktail zu schlürfen und dabei Karten zu spielen. 

Das war unsere große Reise im Dezember 2021 und im Januar 2022. Ich konnte die Zeit unfassbar genießen. Ich bin dankbar für alles, was ich sehen, erleben und lernen durfte; dafür, dass wir alle gesund geblieben sind und die Reise ohne Zwischenfälle gut verlaufen ist. Es ist mir eine Freude, wie viele tolle Menschen ich in diesen Wochen kennenlernen durfte. Alles in allem kann ich gar nicht wirklich in Worte fassen, was für eine Chance ich hier bekommen habe und immer noch haben darf. Die Reise hat mir noch einmal gezeigt, wie schön Ghana ist und auch jetzt merke ich, dass ich das Land immer mehr zu lieben lernen darf. Also Danke, dass ich diese Möglichkeit haben darf!

Und zum Schluss möchte ich noch einmal anmerken, dass meine Berichte aus lediglich einer subjektiven Perspektive geschrieben wurden und deshalb nicht als objektiver Maßstab für irgendetwas verwendet werden sollen. Natürlich hoffe ich, einen möglichst repräsentativen Bericht über das Land weitergeben zu können, aber das gelingt mir sicherlich nicht immer. 

Für den nächsten Blogeintrag bin ich gerade noch am Überlegen, ob ich chronologisch etwas weitererzähle von den letzten Wochen, oder ob ich so etwas wie ein „Special“ (wahrscheinlich auch zweiteilig) mache, in dem ich über verschiedene allgemeine Erfahrungen in meiner bisherigen Zeit schreibe. Ich freue mich auch über Rückmeldung, welches Thema bzw. welche Themen Euch so interessieren. Bis bald :) 

Manchmal muss man Glück haben beim Fotografieren, um den richtigen Moment zu erwischen.

Eine tolle Silvesternacht und dank des Pakets meiner Mutter sogar mit Wunderkerzen ^^

Hier ist unsere tolle Sechsergruppe an Freiwilligen mit den lieben Gastgebern in Princesstown zu sehen, wie wir die Burg besichtigen.

Auf dem Foto sieht das stampfen leicht aus, aber ich habe nicht so lange durchgehalten und hatte dabei auch Angst, die Finger unserer hervorragenden Köchin zu treffen...

Bei dem Bild habe ich ein bisschen geschummelt, denn das ist in Kokrobite und nicht in Busua entstanden, aber gesurft bin ich tatsächlich.

 

6 – Von Ost nach Süd nach Nord 

Teil eins unserer Reise 

In diesem Blogeintrag soll es um den ersten Teil unserer Reise gehen und ich möchte zu Beginn sagen, dass dieser Bericht lückenhaft ist. Meine Erzählung spiegelt lediglich meine subjektive Perspektive wider, auch ich habe auf der Reise nur Ausschnitte eines Gesamten gesehen und leider kann ich nicht von allen Erfahrungen schreiben, die wir auf der Reise gemacht haben, da das zu umfangreich wäre. Dennoch gebe ich mein Bestes, um ein Bild von Ghana widerzugeben, das der Realität möglichst nah ist und diesem wundervollen Land annähernd gerecht wird. 

Unsere Reise hat am zwölften Dezember im vergangenen Jahr begonnen. Unsere erste Fahrt ging nach Takoradi zu den anderen beiden Freiwilligen Marianne und Svenja. Das Wiedersehen mit den beiden war total schön und ich habe mich gefreut, die Wohnung und den Arbeitsplatz der beiden kennengelernt haben zu dürfen. Marianne und Svenja arbeiten in einem sogenannten „Vocational Training Centre“, in dem junge Frauen und Mädchen eine Ausbildung zu Köchinnen oder Schneiderinnen machen können. Sie unterrichten dort Englisch und Mathe und erhalten dafür den ein oder anderen Kurs im Nähen. Inzwischen haben sie bereits mehrere Kleider und Röcke geschneidert und auch ich durfte bei meinem Besuch probieren, ein paar Nähte zu ziehen, aber so locker wie die waren, wäre das Kleid schneller wieder ein ungeformtes Stück Stoff gewesen als man gucken könnte. Wir hatten sogar das Glück, bei einer der Verkostungen der Kochklassen dabei sein zu dürfen. Die Gerichte der Schülerinnen waren so lecker und ich war erstaunt, wie einzigartig unterschiedlich die Suppen, Salate und Kartoffelcremes trotz des gleichen Rezepts bei allen geschmeckt haben. 
Von Takoradi aus ging es zu viert weiter nach Cape Coast, in ein Hostel, bei dem wir das Meer direkt vor der Zimmertür hatten. Ich konnte abends also auf einer der Liegen entspannen, in die sich vom Wind wiegenden Palmenblätter schauen, durch die der volle Mond geschienen hat und dabei dem Meeresrauschen im Hintergrund zuhören, zu dem ich nachts dann auch einschlafen konnte. Abgesehen von uns waren u.a. auch Freiwillige aus Großbritannien als Gäste im Hostel. Mit denen haben wir uns gut verstanden und konnten so manchen lustigen Abend mit coolen Gesprächen zusammen verbringen. Natürlich haben wir uns in Cape Coast auch noch mehr angeschaut als nur den Strand und das zu meiner großen Freude vorhandene Beachvolleyball-Feld. Ein Ziel war der Kakum-Nationalpark, der etwas nördlich der Stadt liegt. Dort sind wir auf dem „Canopy-Walk“, das sind Hängebrücken, die hoch an den Bäumen befestigt und durch Plateaus verbunden sind, gelaufen und haben dabei das Grün des Parks bewundern können. Danach haben wir mit einem Guide noch eine kleine Tour durch den Nationalpark gemacht, der uns verschiedene Bäume und deren Früchte gezeigt hat. Währenddessen waren so viele unterschiedliche und für mich völlig unbekannte und gleichzeitig faszinierende Geräusche von Tieren in den Bäumen und Büschen zu hören. Eine eher weniger faszinierende Situation, über die ich danach aber auch lachen musste, hat sich auf dem Rückweg der Tour zum Ausgang abgespielt, als plötzlich ein lautes Rascheln im Gebüsch zu hören und der Guide direkt vor mir abrupt stehen geblieben ist und einen Stock vom Boden aufgehoben hat, um damit ins Gebüsch und auf den Boden zu klopfen. Mir war ab diesem Zeitpunkt bewusst, dass eine Schlange für das Geräusch im Gebüsch gesorgt haben muss, die er nun mit dem Klopfen verscheuchen wollte. Als eine der anderen gefragt hat, um welches Tier genau es sich bei dem Rascheln gehandelt hatte, meinte der Guide: „Oh, I saw a big yellow mamba.“ Im ersten Moment war ich kurz geschockt, musste dann aber lachen, weil der Guide total entspannt war und einfach weitergelaufen ist. Auf dem Rückweg vom Nationalpark haben wir an zwei weiteren Stationen Halt gemacht. Die erste war eine Destillerie für den lokalen Gin, der aus „Palmnuts“ gemacht wird. Die Verarbeitung von Palmnuts hat mich total verblüfft, denn es gibt dabei eigentliche keine Abfallstoffe, da alles für einen anderen Zweck weiterverarbeitet werden kann – für Gin, Speiseöl, als Anzündmittel für Feuer oder als Produkt, um die Löcher in der Straße zu füllen. Der zweite Stopp war bei einem Krokodil-Park, in dem die Krokodile mithilfe von Futter aus ihrem See gelockt wurden und wir sie dann anfassen durften. Ich hatte ziemlich Respekt, wollte mir diese Chance allerdings nicht entgehen lassen und hab mich tatsächlich neben das beeindruckende Tier gekniet, um es anzufassen. Der letzte Ausflug ging zum „Cape Coast Castle“, das während der Zeit der Sklaverei dafür verwendet wurde, um die Sklaven für meist einen Monat gefangen zu halten, bevor sie am Hafen auf Schiffe in die Karibik gebracht wurden. Diese Gefängnisse, Gänge, die Todeszelle und die sogenannte „Door of no return“ zu sehen, war durchaus bedrückend. Im Castle gibt es eine ehemalige Kapelle, die sich direkt über dem männlichen Gefängnis befand und in dem die Briten damals jeden Sonntag ihre Gottesdienste gefeiert haben und Lieder wie „Amazing Grace“ gesungen haben, während direkt unter ihnen Hunderte von Menschen als Sklaven litten. Die weiblichen Gefangenen wurden nicht selten von Soldaten oder dem Gouverneur selbst vergewaltigt und sobald das Kind geboren war wieder in die Zelle geworfen. Was mir nicht besonders präsent war, war die Tatsache, dass die einheimischen Chiefs häufig mit den Besatzern kollaboriert und ihre eigenen Landsleute gegen Waren aus Europa verkauft haben. Die Ungerechtigkeit, die an diesem Ort damals geschehen ist, macht mich wütend und noch wütender macht mich, dass noch immer Rassismus in dieser Welt existiert und die Trennung von Weiß und Schwarz weiter praktiziert wird, selbst hier in Ghana. Die Hautfarbe von Menschen sollte keine Rolle spielen, sie sollte nicht als Grundlage für irgendeine Art von Vorurteilen oder mit der Hautfarbe assoziierten Eigenschaften dienen. Wir sind alle Menschen, jeder ist unterschiedlich und nichts sollte dazu führen, dass jemand von anderen als mehr oder weniger wert angesehen wird. 
Nach unserem Aufenthalt in Cape Coast ging es dann das erste Mal in Richtung Norden, und zwar nach Kumasi. Dort haben wir den Kejetia-Market, den größten Markt unter freiem Himmel in Westafrika besucht. Wir sind früher aus dem Trotro ausgestiegen, weil es ab einem bestimmten Punkt schneller war zu laufen, als zu versuchen, mit dem Auto durch die Menschenmenge zu kommen. Zum Glück war ich schon häufiger auf Märkten hier in Ghana, sonst hätte mich die Menge an Farben, Gerüchen, Rufen, Produkten, Menschen und Ständen wahrscheinlich total umgehauen, denn auch so waren das total viele Eindrücke. Es war nicht immer einfach, zu viert zusammen zu bleiben, aber wir haben es geschafft. Abgesehen von den Ständen auf der Straße gibt es auch noch einen überdachten Teil, in dem über mehrere Etagen alles Mögliche verkauft wird. Von Fleisch über Gemüse, Kleider, Stoffe und Spielsachen bis hin zu Weihnachtsdeko – einfach alles. Dieser Besuch war auf jeden Fall eine Erfahrung wert und ich habe mir sogar ein Kleid gekauft. Vom Markt aus war es nicht mehr weit bis zum Museum, das wir im Anschluss besichtigen wollten, aber bis wir den richtigen Weg aus dem Markt-Gewirr gefunden hatten, hat es dann doch eine Weile gedauert. Am Ende sind wir dank Google Maps am Museum angekommen und haben uns eine kleine Führung geben lassen, in der uns der Museumsführer einiges über das Asante-Königreich erzählt hat. Die Asantes sind einer der Stämme hier in Ghana, bis heute noch sehr angesehen und seine Monarchie besteht immer noch. Im Museum waren Bilder von ehemaligen Königen zu sehen, es waren traditionelle Gegenstände der royalen Familie und für den Kampf ausgestellt und wir haben die verschiedenen Arten des berühmten Kente-Stoffes kennengelernt. Ein Ausstellungsstück war eine Trommel, die die Krieger damals verwendet haben, wenn ihre Armee drohte zu verlieren. Ein paar Kämpfer haben sich dann im Gebüsch oder Wald versteckt und mit einem Stecken, der aussieht wie ein kleiner Hammer über das Fell der Trommel gekratzt. Das Geräusch, das dadurch erzeugt wird, klingt tatsächlich, als ob ein Löwe brüllen würde. Somit wurde der feindlichen Armee Angst eingejagt und sie wurde in die Flucht geschlagen. Am 24. Dezember sind wir zum Lake Bosomtwe, von dem wegen des diesigen Wetters leider nicht zu viel zu sehen war, gefahren und haben dort einen richtig schönen und entspannten Tag verbracht. Abends haben wir uns alle vier Zeit genommen, um mit unseren Familien zu telefonieren und an Weihnachten doch ein bisschen nach Deutschland einzutauchen. In Ghana wird Weihnachten am 25. Dezember gefeiert, aber es ist nicht besonders üblich, sich gegenseitig etwas zu schenken. Und auch die Weihnachtsdeko ist anders als in Deutschland. An vielen Läden hängen grüne und rote Stoffe und ab und zu sieht man auch Lichterketten. In den großen Malls stehen dann auch kitschig dekorierte Weihnachtsbäume und alles blinkt und leuchtet. Mein Weihnachts-Gefühl war dieses Jahr so gut wie nicht vorhanden, da ich es einfach nicht gewohnt bin, Weihnachten bei über dreißig Grad und ohne den ganzen Stress zu verbringen. 
Am 25. Dezember ging es morgens los nach Kintampo, also ein Stück weiter in den Norden. Der Halt dort war vor allem als Zwischenstopp auf dem Weg nach Larabanga gedacht, aber nachdem wir erfahren haben, dass es in der Nähe einen Wasserfall gibt, haben wir spontan entschieden, uns den vor der Weiterfahrt bis zu unserem nördlichsten Zielpunkt noch anzuschauen. Der Guide dort hat uns dann auch noch ein paar interessante Dinge abgesehen vom Wasserfall gezeigt: eine Pflanze, die durch Reiben zwischen den Fingern intensive Farbe abgibt und den Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Papaya-Baum. Ich wusste nicht einmal, dass es einen männlichen und einen weiblichen gibt. 
Ja, und dann ging es nach Larabanga und zum Mole-Nationalpark. Schon auf der Fahrt sind mir immer wieder Unterschiede im Norden verglichen mit dem Süden aufgefallen. Mein Eindruck war, dass die Anzahl an größeren Ortschaften und Städten immer weiter abgenommen hat, dafür habe ich immer häufiger Lehmhütten als kleine Gemeinschaften gesehen, nur die Kirchen und Schulen waren oft aus Beton gebaute Gebäude. Auch die Landschaft und das Klima sind andere als im Süden – Palmen gibt es weniger, dafür viele hohe Gräser und weite Ebenen. Tagsüber ist es gerade in der Trockenzeit sehr heiß und unglaublich trocken, dafür sind die Nächte deutlich kühler als an der Küste. Meine Lunge hat zwischendurch etwas gelitten, denn zu dieser Zeit des Jahres wurden viele Buschfeuer gelegt, damit die toten Pflanzen und Blätter Platz machen für frisches Futter und der Boden wieder fruchtbar wird. An einem Morgen hat es sogar Asche vom Himmel geregnet, weil eins der Feuer nicht weit von unserem Hostel entfernt war. Viele Bewohner des Nordens sind muslimisch, denn der Islam hat sich von den angrenzenden nördlichen Ländern wie Burkina Faso bis nach Ghana verbreitet und erhielt dort vom Norden aus Einzug. Unsere Gastgeber waren total lieb und haben uns geholfen, unsere Planungen zu organisieren, umzusetzen und sie haben uns Tipps zu geben, was sich lohnt zu sehen, wo wir gutes Essen bekommen und welche Transportmittel wir nutzen können. So sind wir am ersten Abend nach unserer Ankunft mit unserer Gastgeberin zum Mole Motel im Park gefahren, weil dort ein Trommelabend stattgefunden hat. Eine Gruppe von Trommlern und Tänzern hat dem Publikum eine Reihe traditioneller Tänze zu den passenden Rhythmen vorgestellt, die zu bestimmten Anlässen aufgeführt und getanzt werden, zum Beispiel, wenn ein Chief oder ein Mitglied der royalen Familie zu Besuch kommt. Ich fand es spannend, dabei zuzuschauen und festzustellen, dass ich meine Füße wahrscheinlich nur nach einer ganzen Menge Übung so zu diesen Rhythmen bewegen könnte. Diese Art von Tanz ist ganz anders und kein bisschen vergleichbar mit sowas wie Wiener Walzer oder Rumba, schon allein die Musik und ihre Rhythmen sind völlig anders und ich finde es toll, das mal miterlebt haben zu können. Am nächsten Morgen sind wir früh aufgestanden, um pünktlich für die Morgen-Safari fertig zu sein. Das war nach langer Zeit mal wieder ein Morgen, an dem ich tatsächlich das Gefühl von Frieren am eigenen Körper erfahren habe, trotz der langen Hose… Mit etwas Verspätung wurden wir dann von einem der Fahrer mit seinem Jeep am Hostel abgeholt und in den Park gefahren. Sobald sich genug Teilnehmer für die Safari zusammengefunden hatten, ging es los und wir sind auf die Sitze auf dem Dach des Jeeps geklettert. Die Guides standen per Funk miteinander in Kontakt, um sich jeweils darauf hinzuweisen, wo die Elefanten wohl am besten zu finden seien. Und wir hatten Glück: schon relativ zu Beginn haben wir angehalten, sind ein paar Meter ins Gelände gelaufen und durften dann gleich zwei der grauen Riesen bestaunen. Natürlich war ich im Zoo auch schon einmal so nah einem Elefanten, aber diese Giganten in freier Wildbahn, in ihrem natürlichen Lebensraum so nah beobachten zu dürfen, war doch nochmal ein anderes und besonderes Erlebnis. Neben den beiden Elefanten durften wir außerdem noch Antilopen, verschiedene Vögel und Affen sehen. Die Affen waren schwerer in den Bäumen zu erkennen als ich dachte und auch ziemlich schnell im Dickicht verschwunden, wenn man sie nicht gleich entdeckt hat. Nach einer Pause wurden wir am Nachmittag wieder im Hostel abgeholt, um eine Kanu-Tour zu machen. Da gerade Trockenzeit ist, war der Fluss nicht so hoch wie sonst, denn normalerweise bedeckt er die Bäume am Ufer bis fast zur Krone. Früher haben die Bewohner in der Nähe des Flusses Krokodile gejagt, um deren Fleisch zu essen und auf Nachfrage hat uns der Guide erzählt, dass es hier nicht unüblich ist, Krokodilfleisch zu essen und er selbst auch schon einmal etwas davon gegessen hat. Auf der Tour haben wir einen wunderschönen blauen Vogel gesehen, den „blue breasted Kingfisher“. Wer Lust hat, kann ja mal googlen, wie genau der aussieht, denn leider habe ich es nicht geschafft, ein schönes Bild zu machen. Am nächsten Tag wurden wir von zwei jungen Männern, die wir am Tag vorher kennengelernt hatten und die uns erzählt haben, dass sie Touristenführer sind, durch Larabanga geführt. In diesem kleinen Ort leben wohl ausschließlich Muslime und es ist der Startpunkt der Ausbreitung des Islam in Ghana, daher steht dort auch die älteste Moschee des Landes. Leider durften wir sie nicht von innen sehen, da wir keine Muslime sind, aber es war trotzdem interessant zu hören, wie der Muezzin über die Lautsprecher an den verschiedenen Moscheen jeweils zum Gebet aufgerufen hat und sich dann alle gewaschen haben, um beten zu gehen. Uns wurden außerdem noch weitere spannende Dinge in Larabanga gezeigt: wir haben gesehen, wie Shea-Butter hergestellt wird und konnten sogar eine Dose davon kaufen und zwar viel billiger und ohne die ganzen chemischen und verdünnenden Stoffe, die die Produkte in Deutschland beinhalten. Unser Hostel lag etwas abseits des Ortes, mitten im Nirgendwo und so war es uns nachts möglich, abseits von jeglicher Lichtverschmutzung, einen wunderschönen Sternenhimmel zu sehen. Mit keiner Kamera war es möglich, diese Schönheit einzufangen. Da ist mir wieder bewusst geworden, wie groß mein Schöpfer ist, der so einen Sternenhimmel geschaffen hat und uns dann noch Augen geschenkt hat, die diese Schönheit sehen können. 

Und mit der Vorstellung von so etwas Tollem endet der erste Teil meines Reiseberichts. Im zweiten Teil erzähle ich von unserer Reise entlang der Küste, da gibt’s dann noch Meer zu lesen… (Entschuldigung, dieser schlechte Wortwitz musste sein.) 

Der Blick von der Dachterrasse bei Svenja und Marianne in Takoradi - mit lauter Musik auf den Ohren ist das ein wundervolles Gefühl von Freiheit.

Hier der Canopy-Walk im Kakum-Nationalpark.
Bei der Frage nach der Versicherung hat der Guide geantwortet, dass wir dafür den Beleg am Eingang erhalten hätten ;)

Ich habe meiner Familie erst nach dem Ausflug von diesem Erlebnis erzählt, als bereits klar war, dass ich es überlebt habe.

Das war die Sicht von einem erhöhten Gebäude auf den Kejektia-Markt in Kumasi - eine Reizüberflutung für alle Sinne.

Das erste Weihnachten ohne die Familie...
...dafür mit drei anderen tollen jungen Frauen.

Zu sehen ist der Wasserfall in Kintampo. Unsere Badesachen hatten wir leider vergessen, sonst wäre das eine willkommene Abkühlung gewesen.

Ganz herzlich Willkommen im Mole-Nationalpark! Wem Hitze und Staub bei Tag und Kälte bei Nacht nichts ausmachen, darf gerne eintreten.

Die Landschaft im Norden unterscheidet sich doch stark von der im Süden. Vielleicht wird das ja sogar über die Bilder deutlich.

Ein für mich wirklich beeindruckender Moment; diese riesigen Tiere so nah in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten zu dürfen.

Die Moschee in Larabanga hat mehrere Eingänge. Auf dem Foto ist der für die Frauen zu sehen, es gibt noch den für die Männer, für den Muezzin und den Imam.

Auf dem Absprung

 

Morgen werden wir unsere längere Reise starten und da ich beim Packen sowieso schon das Gefühl habe, zu viel dabei zu haben, muss mein Laptop in der Wohnung bleiben. Daher hier die kurze Info, dass ich in den nächsten Wochen keinen neuen Blogeintrag hochladen werde. Sobald ich von der Reise zurück bin, werde ich natürlich so viel wie möglich davon berichten und versuchen, Euch ein bisschen mitzunehmen auf das, was ich sehen und erleben durfte.
Ich wünsche Euch frohe und gesegnete Weihnachten und einen guten Start in das neue Jahr 2022 :)

Bis bald! 

 

5 – Mehr und mehr zu Hause 

Zum Zeitpunkt, zu dem ich diesen Blogeintrag hier schreibe, bin ich seit ziemlich genau zwei Monaten hier in Ghana und damit ist fast ein Fünftel meines gesamten Freiwilligendienstes schon vorbei. Die Gefühle bei diesem Gedanken sind sehr gemischt; das Heimweh, das sich doch immer mal wieder Platz verschafft, lässt mich spüren, wie sehr ich Deutschland und all die Menschen dort vermisse und dann gibt es wieder Momente, in denen ich das Gefühl habe, die Zeit vergeht wie im Flug. Gerade wenn ich daran denke, was wir noch alles geplant haben: Über Weihnachten und Silvester wollen wir vier Freiwilligen gemeinsam ein bisschen das Land erkunden und dafür auch in den Norden reisen. Wir haben uns für diesen Zeitraum sowohl deshalb entschieden, weil wir währenddessen alle vier frei haben und nicht in den Schulen sein müssen und auch aus dem Grund, dass Weihnachten und Silvester häufig Feste sind, die man mit der Familie zu Hause verbringt und da das bei uns dieses Jahr höchstwahrscheinlich nicht der Fall sein wird, sind wir eben gegenseitig unsere Familie und feiern zu viert das Fest der Liebe und den Beginn in das neue Kalenderjahr. In dem ist dann von Januar bis April quasi „Besucher-Phase“, denn sowohl Judith als auch ich werden in diesem Zeitraum Freunde und Familie hier empfangen und versuchen, ihnen so viele Eindrücke wie möglich während ihres Besuchs mitzugeben. Ich merke nämlich immer häufiger, dass ich meine Erfahrungen über das Telefon nur sehr eingeschränkt wiedergeben kann. Worte sind zwar eine tolle Sache und mit der richtigen Verwendung und etwas Vorstellungsvermögen lässt sich viel erreichen, dennoch ist es ein Unterschied, ob man all die Farben, Geräusche und Gerüche selbst erlebt oder sie sich durch eine subjektive Erzählung vorstellen muss. Abgesehen vom Besuch ist für Februar/März das Zwischenseminar des CVJM geplant. Im April werden Marianne und Svenja von Takoradi wahrscheinlich zu uns rüberfahren, damit wir alle gemeinsam das Osterfest genießen und feiern können. Denn in Ghana wird das traditionellerweise sehr groß begangen, vor allem in Kwahu, der Gegend, in der Mpraeso liegt. Unter anderem haben wir geplant, beim Paragliding-Event im Nachbarort mitzumachen und unseren Mut zu testen, wenn wir vom Berg in Abitie abspringen, um nach einem hoffentlich tollen Ausblick mit viel Adrenalin im Blut in der Stadt Nkawkaw wieder zu landen. Wenn das Osterfest dann vorbei ist, sind es auch schon „nur noch“ gut drei Monate, bis wir uns auf den Rückflug nach Deutschland begeben werden. 
 Daran, dass ich manchmal den Eindruck habe, hier gar nicht genug Zeit zu haben, um alles zu entdecken und zu erforschen, was Ghana so zu bieten hat, darf ich merken, dass ich mich hier doch immer wohler und, was noch viel wichtiger für mich ist, immer mehr zu Hause fühle. Auch beim Laufen durch die Straßen verstärkt sich dieses Gefühl, denn inzwischen rufen uns meistens nur noch die kleineren Kinder „Obruni“ zu, die anderen haben uns oft genug gesehen und wissen, dass wir in diesem Ort wohnen und keine Touris auf der Durchreise sind. Auf dem Rückweg von der Schule sehen wir bekannte Gesichter, dürfen das ein oder andere nette Gespräch führen, während wir uns mal wieder unterstellen, weil es schüttet wie aus Eimern und beim Obsteinkauf müssen wir nicht, so wie noch zu Beginn, jedes Mal „Ahe?“ fragen, weil wir nicht wissen, wie viel die eben gekaufte Mango, die Äpfel und die Bananen eigentlich kosten. (Achtung, kurze Twi-Stunde: „Ahe?“ bedeutet „Wie viel?“ und meint in diesem Fall eben die Kosten für die eingekauften Waren.)
 Eine unserer Nachbarinnen schaut immer mal wieder vorbei und fragt uns, wie es uns geht. Darüber freue ich mich jedes Mal, weil ich merke, dass wir hier nicht allein sind und es sogar in unserer Nachbarschaft so liebe Menschen gibt, die sich nach uns erkunden und denen unser Wohlbefinden wichtig ist. Neulich kam sogar ihre kleine Nichte zu uns und wir durften einen Nachmittag lang Kinderbetreuung mit Malen, Fußball und Verstecken spielen – eine schöne Abwechslung zum sonst wöchentlichen Hausputz. 
 In der Schule nutzen wir unsere Freistunden inzwischen auch häufig dafür, in den höheren Klassen vorbeizuschauen und dort Kontakte zu knüpfen. So kommt es inzwischen vor, dass an dem ein oder anderen Wochenende ältere Schüler vorbeikommen, um mit uns Karten zu spielen. Das ghanaische Kartenspiel „Spa“ haben wir schon von Freunden in Accra kennengelernt und obwohl ich meistens haushoch verliere, macht es wirklich Spaß. Wir bringen unseren Mitspielern meistens Maumau, Dobble, Jungle Speed, Skipbo und natürlich den bisherigen Favoriten UNO bei. 
 Zwei der Wochenenden haben wir auch schon für Ausflüge genutzt. Einer davon ging nach Abetifi, ein Ort etwa 15 Minuten von Mpraeso entfernt. Dort haben wir den „Abetifi Stone Age Park“ besucht. Es gab zwar keine besondere Sehenswürdigkeit im Park selbst, aber das Gelände an sich ist einfach total schön angelegt und das Beste ist der wunderschöne Ausblick, der durch das Wetter an diesem Tag sogar bis zum Volta-See gereicht hat. Hier konnte ich das erste Mal auch so richtig die Kamera, die ich dabei habe, austesten. Und mit Abena, die uns begleitet und Touristguide gespielt hat, sind auch echt coole Bilder entstanden. Für den Sonnenuntergang sind wir dann zur höchsten bewohnten Stelle Ghanas gelaufen, die in demselben Ort liegt. Da hatten wir nur leider etwas Pech, denn genau in dem Moment, in dem die Farben der untergehenden Sonne so richtig zur Geltung gekommen wären, hat sich eine riesige Wolke davorgeschoben. Aber egal, der Ausflug hat sich dennoch mehr als gelohnt und ist eine schöne Erinnerung geworden.
 Ein anderes verlängertes Wochenende haben wir in Accra verbracht und durften die vier Tage dort bei einem Kontakt, den ich aus Deutschland bekommen hatte, verbringen. Das war total schön, denn unsere unglaublich liebe Gastgeberin hat uns viel herumgeführt und uns tolle Orte gezeigt. Außerdem hatte sie immer ein offenes Ohr, wenn wir davon berichtet haben, welche Erfahrungen wir hier gerade machen und was uns vielleicht auch manchmal etwas verwirrt. Diese Gespräche haben mir sehr gut getan, weil ich über all das Neue mit jemandem reden konnte, der das bereits kennt und mich trotzdem nachvollziehen kann, weil er ebenso wie ich aus Deutschland stammt und mit der Kultur und den damit einhergehenden Werten und Normen aufgewachsen ist. Gleich am ersten Abend hat sie uns mit in ein Restaurant genommen, wo wir total leckeres ghanaisches Essen probieren durften und sonntags, einen Tag vor unserer Abreise, sind wir in ein Beach-Resort gegangen. Neben einem fetten Sonnenbrand habe ich von dort aber auch wirklich schöne Bilder mitgenommen, denn die roten, violetten und gelben Streifen beim Sonnenuntergang haben sich wie bei einem Kunstwerk über den Horizont gezogen. Seitlich sind die Palmen zu sehen, die sich als dunkle Schatten perfekt vom bunten Lichtspiel im Hintergrund abheben. Wer HierHidiese Schönheit geschaffen hat, muss einfach genial sein. 
 Heute sind Judith und ich von Koforidua, der Landeshauptstadt der Eastern Region zurückgekommen. Wir wurden dort vom YMCA zu einem Seminar eingeladen. Das Thema desselben war „Youth Justice“ und dazu wurden verschiedene Gäste aus unterschiedlichen Institutionen, die das Thema betreffen, eingeladen. So saßen wir u.a. mit Richtern, einem Polizisten, Mitarbeitern der Sozialhilfe, einem Psychologen, einer Gefängnisleiterin, Mitarbeitern in der Jugendarbeit des YMCA und weiteren an einem Tisch und haben Vorträge über das Projekt, in das Ghana und speziell der YMCA einsteigen, gehört. In dem Projekt geht es darum, mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammenzuarbeiten, die entweder Gefahr laufen, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten oder dies auch schon sind. Hier in Ghana ist das nämlich ein großes Thema, bei dem viele, die am Seminar teilgenommen haben, noch Verbesserungsbedarf sehen und auch dabei helfen wollen, die Problematik anzupacken und etwas zu verändern. Ich fand es total spannend, den Gesprächen und Vorträgen zuzuhören und so einen Einblick in diese Problematik zu erhalten. 
 Immer, wenn wir von solchen kleineren Ausflügen und Reisen zurückgekommen sind, habe ich gemerkt, dass Mpraeso für mich tatsächlich ein Zuhause geworden ist. Natürlich ist es nicht vergleichbar mit dem Zuhause in Deutschland, aber ich ertappe mich selbst dabei, in Nachrichten an meinen Freund den Satz: „Wir sind wieder gut zu Hause angekommen“ zu verwenden. Und dann muss ich grinsen, weil ich merke, dass das ein gutes Gefühl ist und ich froh bin, inzwischen an diesem Punkt angekommen zu sein. Ich danke allen Menschen, die dazu beigetragen haben und das auch weiterhin tun, dass ich mich hier wohlfühle. Und ich danke meinem allmächtigen Vater im Himmel, dass er mich hierhergeschickt hat, mich diese Erfahrung machen lässt und mir immer wieder Kraft und schöne Momente schenkt. 

P.S.: Wenn ich in Deutschland von meinem Freiwilligendienst mit dem Reiseziel Ghana erzählt habe, war die erste Reaktion häufig ähnlich zu dieser: „Ghana?! Wow, das ist ja mal was ganz anderes…“ Das dachte ich auch, zumindest, bis ich hierherkam. Denn immer wieder treffen wir andere Volontäre, die ebenfalls aus Deutschland kommen und ich habe tatsächlich manchmal das Gefühl, dass die Welt gar nicht so groß ist, wie ich dachte. Es gibt sogar eine WhatsApp-Gruppe mit Freiwilligen aus Deutschland, die sich aktuell in Ghana befinden und obwohl nicht einmal alle Volontäre Teil dieser Gruppe sind, beläuft sich die Teilnehmerzahl auf über sechzig. Kein Wunder, dass wir da sogar im nicht so großen Ort Mpraeso schon sechs Freiwillige aus Deutschland kennengelernt haben.

P.P.S.: Wer zu einem bestimmten Thema gerne mehr wissen möchte oder einfach so Fragen hat, darf mich gerne kontaktieren. Dazu gibt es unten auf der Website die Möglichkeit, seine Nachricht und seine Mailadresse einzutippen und das wird dann direkt an meine Mailadresse weitergeleitet. Ich antworte gerne darauf :) 

Ich lasse Euch mal ein bisschen teilhaben an dem tollen Ausblick, den ich vom Stone Age Park genießen durfte.

Wir hatten Spaß!
Und nach der dritten Serien-Aufnahme war dann auch mal ein gutes Bild dabei ;)

In Wirklichkeit war es noch schöner, aber auch schon das Bild finde ich total beeindruckend.

Unsere Freistunde in Form 3. Seit letzter Woche sind sie nicht mehr an der Schule, weil sie ihren Abschluss der JHS gemacht haben.

Judith und ich haben uns unsere ersten ghanaischen Kleider schneidern lassen und ich liebe diese Stoffe einfach!

4 – Obruni, Madam, oder auch nur Lea

Seit über zwei Wochen bin ich nun hier in Mpraeso in der Eastern Region Ghanas. Die Landschaft ist einfach wunderschön, denn durch die ständige Abwechslung von Regen und Sonne ist hier unglaublich viel Grün. Noch dazu kommt der Ausblick von und auf Berge, denn Mpraeso liegt auf einem solchen und wenn es abends nicht zu bewölkt ist und man an der richtigen Stelle steht, kann man einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachten. Besonders lang geht der allerdings nicht, denn die Dämmerung dauert in Ghana nur ca. 20 Minuten an, danach ist es dunkel und man sollte ins Haus gehen oder sich mit einer dicken Schicht Moskitospray einsprühen. Wobei es hier in Mpraeso vergleichsweise wenig Moskitos gibt, weil es so hoch liegt. In Accra hatte ich in viel kürzerer Zeit viel mehr Mückenstiche. Schützen sollten wir uns natürlich trotzdem und deswegen nehme ich brav meine Malaria-Prophylaxe, schlafe unter einem Moskitonetz und sprühe in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen ein Spray in die Wohnung, das Moskitos tötet. Tierische Mitbewohner sind dennoch keine Seltenheit. Lässt man die Tür ein bisschen zu lange offen, flitzt eine Echse in die Wohnung, die ein oder andere Kakerlake ist auch schon gesichtet worden und demnächst sollten wir uns ein Puder gegen Ameisen zulegen. Andererseits wäre unsere Wohnung auf jeden Fall groß genug für die ganzen Mitbewohner. 
 Als wir hier ankamen, waren Judith und ich beide sehr überrascht von der Größe, sowas könnten wir uns als Studentinnen in Deutschland wohl niemals leisten. Bei der Ankunft war diese Größe auch erstmal beängstigend; keine persönlichen Gegenstände, alles so leer, keine Deko, es roch nach frisch renoviert und noch dazu kamen meine Müdigkeit und die Tatsache, dass ich nochmal in etwas ganz Neues hineingeworfen wurde. Diese Gefühle wären wohl noch viel schlimmer gewesen, wären wir hier nicht so liebevoll willkommen geheißen worden. Gleich bei unserer Ankunft haben wir den Direktor der Schule, die stellvertretende Schulleiterin und ein paar weitere Lehrer kennengelernt. Die stellvertretende Schulleiterin ist gleichzeitig unsere „ghanaische Mama“, wie uns erklärt wurde und ihre Tochter ist für uns unsere „ghanaische ältere Schwester“. Das waren erstmal komische Begriffe für mich, weil ich diese Menschen ja noch überhaupt nicht kannte, aber inzwischen sind sie tatsächlich so ein bisschen zu meiner ghanaischen Familie geworden. Wir dürfen uns jederzeit an sie wenden und sie sind sehr darauf bedacht, dass es uns gut geht, am Anfang manchmal sogar ein bisschen zu sehr für unseren Geschmack ;) 
 Vor allem Abena, die Tochter der Schulleiterin, ist fast jeden Tag bei uns. Sie hat uns den Markt gezeigt, hilft uns beim Kochen, sodass wir irgendwann das ein oder andere ghanaische Essen selbst zubereiten können, leistet uns manchmal auch einfach so Gesellschaft, nimmt uns mit in ihre Kirche und klärt uns über Verhaltensweisen auf, die mit der Kultur zusammenhängen. Im Gegenzug helfen wir ihr dabei, ein bisschen Deutsch zu lernen. Aber unsere Hilfe dabei kommt nicht annähernd an das heran, was sie hier für uns tut – das ist einfach ein riesen Geschenk. Und das Essen, das sie kocht, schmeckt so gut. Wir wollen so viel wie möglich probieren, von Yam über Plantains, Garden Egg-Stew, Kontomire-Stew und Bohnen bis hin zu allen möglichen Reis-Variationen und Snacks.
 Den Weg zur Schule legen wir je nach Lust und Laune mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurück, beides ist gut machbar. Wobei die kaputte Gangschaltung bei meinem Fahrrad den Berg hoch zur Schule doch etwas erschwert. In unserer ersten Woche haben wir den anderen Lehrern beim Unterricht nur zugeschaut, haben die Klassen kennengelernt und gesehen, wie der Unterricht so abläuft und ein Schulalltag hier aussieht. Seit zwei Wochen unterrichten wir nun selbst in den Klassen eins bis fünf. Jeden Tag geben wir in einer Klasse Deutschunterricht und ich darf sogar noch einmal die Woche Französisch in Klasse drei unterrichten. Seit ich aus der Schule raus bin, fehlt mir Französisch sogar ein bisschen und ehrlich, ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde! 
 Das Unterrichten macht total viel Spaß und ich finde es faszinierend, wie begeistert und interessiert die Schülerinnen und Schüler im Fach Deutsch sind. In den unteren Klassen ist es allerdings meistens sehr laut und das Halsbonbon nach der Stunde ist eine große Hilfe. Wir als Neulinge haben uns noch nicht so wirklich das Bild einer Autoritätsperson erarbeitet und manchmal sind unsere Hautfarbe und unsere Haare interessanter als die Vokabeln, die am Whiteboard stehen. Gerade in der ersten Woche kam es nicht selten vor, dass Kinder laut „Obruni“ gerufen, dann auf uns zugestürmt sind und uns umarmt haben. „Obruni“ bedeutet „Weiße“ oder „Weißer“ und ist nicht böse gemeint, aber das Gefühl, so genannt zu werden, war doch erst einmal komisch und ich habe mich noch immer nicht vollkommen daran gewöhnt. Auch auf der Straße werden wir meist so genannt und manchmal geht damit auch die ein oder andere Extra-Behandlung einher, sowohl positiv als auch negativ. Auf dem Markt kann es passieren, dass uns als Weißen ein höherer Preis genannt wird als der eigentliche. Aber mit der Zeit kennen wir die ursprünglichen Preise und müssen dann eben verhandeln. Neulich wurde uns von einem Ordnungsbeamten sogar beim Überqueren der Straße geholfen, indem er die Autos angehalten hat. Das war zwar total lieb, dennoch habe ich mich dabei exotisch gefühlt und wollte dieses Privileg überhaupt nicht. Doch je länger wir hier sind, desto seltener werden solche Situationen und auch jetzt schon gehören wir hier mehr dazu als ganz am Anfang. 
 Die Lehrerinnen und Lehrer haben ihren Schülern eingebläut, respektvoll und diszipliniert in unserem Unterricht zu sein, denn wir gelten genauso als „Madam“ wie andere Lehrerinnen. Wie gesagt, wir bekommen das mit der Disziplin noch nicht ganz so hin wie die tatsächlichen Lehrer hier, aber die helfen uns auch immer wieder und rufen die Klasse zur Ordnung. Anders als wir verwenden sie als Drohung auch einen „Stick“, also einen Stock, mit dem die Kinder ab und zu geschlagen werden. Hier in Ghana ist das als Strafe sehr verbreitet, sowohl in der Schule als auch in vielen Familien. Für uns ist das ziemlich ungewohnt und ich versuche, in solchen Momenten nicht hinzuschauen, denn ich glaube, mich (noch) nicht in einer Position zu befinden, in der ich dieses Thema kritisieren darf. Dennoch kann ich natürlich durch mein Verhalten und den Verzicht auf das Schlagen deutlich machen, dass ich es nicht richtig finde und es meiner Meinung nach andere Lösungen gibt, die für Ordnung und Ruhe sorgen. 
 Durch den Stundenplan von nur einer Unterrichtsstunde pro Tag bleibt noch Zeit für andere Dinge, zum Beispiel für den täglichen Twi-Unterricht, den wir hier bekommen oder auch den Besuch in der Nursery bei den ganz Kleinen, die dort teilweise allerdings auch schon lesen, schreiben und rechnen lernen. 
 Wenn wir auf der Straße Twi reden, freuen sich die meisten Menschen und sind überrascht. Nur leider kommt es dann häufig vor, dass sie weiter mit uns auf Twi reden und wir das dann nicht mehr verstehen… :D Dann lachen sie und irgendwer erbarmt sich, es uns ins Englische zu übersetzen, damit das Gespräch nicht gleich vorbei ist. 
 Unsere Abende nutzen wir manchmal, um Leute kennenzulernen. Daher waren wir neulich einmal im Pub und haben dort sogar andere Freiwillige getroffen, die ganz in der Nähe wohnen und drei von ihnen kommen aus Deutschland. Für mich ist es total wichtig, mir hier ein Netzwerk aufzubauen, damit ich mich etwas mehr wie zu Hause fühle und nicht jedes Wochenende allein in der Wohnung sitze. Und ich finde, da sind wir gerade auf einem guten Weg. Ich freue mich auf jede weitere Begegnung und die Unternehmungen, die noch kommen werden. 

PS: Vielleicht noch was zum Staunen und Nachdenken… Wir haben in unserem Haus nur einmal die Woche fließendes Wasser. Das versuchen wir so sparsam wie möglich zu nutzen und am nächsten Samstag, wenn das Wasser wieder fließt, alle unsere Eimer und unsere große Tonne aufzufüllen, damit es für die kommende Woche reicht. Falls es doch nicht reicht, gibt es allerdings auch ein Reservoir, bei dem wir Wasser holen können. Durch das Schöpfen aus Eimern merke ich, wie viel Wasser manche Dinge verbrauchen und ich lerne, wie ich die Wassermenge bei manchen Aktionen wie Duschen beispielsweise reduzieren kann. Das ist echt ein großer Luxus in Deutschland und ich würde behaupten, dass viele sich nicht bewusst sind, wie viel Wasser sie eigentlich verbrauchen, vor allem wie oft unnötig viel Wasser verbraucht wird.

Ein Blick von unserer ersten Erkundungstour durch Mpraeso.

Yam mit Kontomire-Stew und Ei. Aussehen tut es zwar nicht so gut, dafür schmeck es umso besser. 

Wegen Corona durfte lange Zeit kein Sport gemacht werden an der Schule. Aber jetzt dürfen die Kinder der Nursery dem Ball wieder hinterherrrennen. Es macht so Spaß, dabei zuzuschauen.

Matheunterricht in Stage 4. Ich sitze hinten drin und bin froh, dass ich in dieser Alterststufe noch mitkomme ;)

 3 - Akwaaba in Accra 

Inzwischen bin ich schon fast eine ganze Woche hier in Accra und so langsam lebe ich mich, glaube ich, ein. Vieles ist natürlich immer noch ungewohnt, aber das Gefühl, hier anzukommen, wird stärker und das tut doch ganz gut. Der wohl ungewohnteste Punkt, den wir hier täglich erleben, ist die Aufmerksamkeit, die wir erhalten. Wenn wir am Straßenrand entlanglaufen, wird uns häufig aus Autos heraus zugerufen, manche hupen sogar und auch den ein oder anderen Kommentar über uns durften wir schon hören. Das Gefühl ist häufig einfach komisch, weil ich gar nicht so viel Aufmerksamkeit haben möchte. In vielen Fällen soll uns das Hupen aber einfach signalisieren,dass in dem Trotro oder dem Taxi noch Plätze frei wären. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Einheimische nicht so oft angehupt werden. In unserem engeren Kreis hier beim YMCA ist das zum Glück nicht so stark ausgeprägt, da sind wir einfach „Teil der YMCA-Familie“ und das ist ein gutes Gefühl.
Die zweite Sache, die für mich sehr ungewohnt war und ist, ist der Verkehr. Ich habe die Verkehrsregeln noch nicht so ganz durchblickt, bin mir aber sicher, dass es welche gibt, denn bisher bin ich noch keinem einzigen Unfall in dieser Großstadt begegnet und ich habe auch schon Fahrschulautos gesehen. Wenn die Ampeln auf rot stehen, laufen häufig Menschen durch die Schlangen und versuchen, Essen, Getränke oder andere Dinge an die Autoinsassen zu verkaufen. Die Verkäufer*innen tragen die Waren meist auf dem Kopf und ich finde es so faszinierend, welches Gewicht die Männer und Frauen auf ihrem Kopf balancieren können und das, ohne auch nur ein bisschen angestrengt oder konzentriert auszusehen, damit nichts herunterfällt. Ich durfte an unserem ersten Tag hier in Accra auf einem Markt auch ausprobieren, wie es ist, etwas auf dem Kopf zu tragen. Dafür rollt man ein Tuch zusammen, legt es sich auf den Scheitel und stellt dann das Objekt darauf. Ich sah dabei noch sehr ungeübt aus, durfte aber feststellen, dass sich das Gewicht gar nicht so auf den Nacken auswirkt, wie ich dachte. Auf diesem Markt hatten wir außerdem eine kleine Trommelstunde, bei der wir ein paar Rhythmen gelernt haben und die total viel Spaß gemacht hat. Die kleinen Shops des Markts bieten alle sehr ähnliche Dinge an: Stoffe, kleine Figuren wie Elefanten, Masken aus Holz oder auch gemalte Bilder auf Blättern von Bananenbäumen. Wir wurden häufig angesprochen, ob wir die Waren nicht zu einem guten Preis kaufen wollten und die Verkäufer*innen schienen dann meist enttäuscht, wenn wir abgelehnt und gesagt haben, dass wir gar kein Geld dabei haben an unserem ersten Tag hier. Manche haben uns daraufhin sogar angeboten, uns zum Geldautomaten zu begleiten. Uns aus dieser Situation zu winden, war nicht immer ganz so einfach, aber Francis war so lieb, einfach weiter zu laufen, sodass wir sagen konnten, dass wir da mitlaufen und weiter müssen.
Am Sonntag, unserem zweiten Tag hier, waren wir zusammen mit Francis in seiner Gemeinde „Grace Mountain“. Dieser Gottesdienst war eine besondere Erfahrung und ich freue mich schon auf die Gottesdienste, die ich noch miterleben werde. Der Gottesdienst dauerte ca. zwei Stunden und war auf Twi. Das hat es mir leider sehr schwer gemacht, viel zu verstehen, aber die Predigt war dann auf Englisch. Das Englisch hier ist doch anders als ich es bisher aus dem Schulunterricht, aus Filmen oder Interviews kenne, weshalb es mir manchmal schwer fällt, alles zu verstehen. Aber so langsam höre ich mich ein und glaube zumindest, immer mehr zu verstehen.
Zurück zum Gottesdienst: während der Predigt und auch, während manche Gemeindemitglieder etwas erzählen, bauen sie zwischendurch immer wieder ein „Halleluja“ oder „Amen“ ein und der Rest der Gemeinde antwortet mit einem lauten „Amen“. Häufig rufen Mitglieder auch einfach so zustimmende und bestätigende Kommentare rein und unterstützen so das gerade Erzählte. Während des Worships bewegen sich fast alle. Es wird getanzt, sogar bis nach vorne zum Rednerpult, eine Reihe tanzender und lobpreisender Menschen bildet sich in den engen Gängen zwischen den Reihen und die Band preist und singt immer weiter. Die lebendige Atmosphäre war für mich echt beeindruckend, auch, wenn meine Ohren nach dem Lobpreis doch etwas geklingelt haben.
Am Nachmittag waren wir auf dem Markt und haben ein bisschen Obst gekauft, das wir abends gegessen haben. Die Orangen hier sind außen zwar grün und nicht orange, schmecken aber nicht wirklich anders als in Deutschland, auch bei den Äpfeln habe ich keinen Unterschied gemerkt. Ganz anders ist das allerdings bei den Bananen, die ein bisschen weicher sind als in Deutschland und auch süßer schmecken. Einen noch größeren Unterschied merke ich bei der Papaya, die beinahe so rot ist wie eine Melone und die ich ohne Probleme löffeln konnte, weil sie so weich ist. Auch die Avocado schmeckt hier anders. Während ich zu Hause meistens einen sauren Beigeschmack habe, ist der hier kaum bis gar nicht vorhanden.
Natürlich haben wir hier auch schon andere Gerichte außer Obst gegessen. Ich habe festgestellt, dass viele Nahrungsmittel einen ganz anderen Geschmack haben als die in Deutschland, vor allem das Brot. Da durfte ich feststellen, dass wir wirklich eine, wenn nicht sogar die Brotnation schlechthin sind. Als warmes Essen hatte ich bisher „Jollof-Reis“, den ich sehr scharf fand und den Teller nur mit Hilfe geschafft habe, der aber natürlich trotzdem sehr lecker war. Und dann noch sogenanntes „Red Red“, bestehend vor allem aus Bohnen, die in Öl gekocht werden, einer Sauce mit Tomaten und dazu gebratene „Plantains“, also Kochbananen. Das ist sooo lecker und ich habe mir vorgenommen, dieses Gericht selber kochen zu können, um es in Deutschland auch meiner Familie zu servieren.
Gestern, also am Mittwoch, hat unser Twi-Kurs begonnen und ich merke, wie viel Freude es mir bereitet, eine weitere Sprache zu erlernen. Das Wort „Akwaaba“ im Titel dieses Eintrags bedeutet „Willkommen“. Und die Menschen hier freuen sich immer, wenn man sich auf Twi bei ihnen bedankt: „Medaase“. Die Aussprache der Wörter und Laute ist sehr ungewohnt und auch nicht immer ganz leicht, aber ich glaube, je länger ich mich in die Sprache einhöre, desto besser und leichter wird das. Unsere Lehrerin ist total lieb und bringt uns neben der Sprache auch noch Fakten zur ghanaischen Kultur, Hintergründe zur Sprache und mehr über die ghanaische Geschichte bei. Mir macht es so viel Spaß, hier noch mehr lernen zu dürfen und ich freue mich auf das, was noch so kommen wird.
Das sind jetzt natürlich nicht alle Erlebnisse meiner ersten Woche hier, der Rest kommt dann in den nächsten Blogeinträgen, damit’s spannend bleibt ;) 

Das sind wir an unserem ersten Tag in Accra, zusammen mit dem Fahrer Paul des YMCA Ghana in Accra und mit unserem Betreuer und Ansprechpartner Francis.

Das ist ein Stand auf dem Markt, den wir gleich am ersten Tag besucht haben. Es gibt dort so unglaublich schöne Malereien, eben auch auf Geschirr.

Hier sieht man unser absolutes Lieblingsessen der ersten Tage und Wochen: Fried Plantains mit Bohnen und Ei (auf Twi: "Kɔkɔɔ ne beans")

Das Abschluss-Essen mit unserer wundervollen Twi-Lehrerin Dr. Judith Owusu. Wir waren in einem ghanaischen Restaurant und haben viele lokale Speisen probiert. Manche sind gewöhnungsbedürftig, andere von Anfang an unglaublich lecker.

2 - Abschied, Abflug, Ankunft 

Am Donnerstagabend habe ich mich zusammen mit meinen Eltern und meinem Freund Simeon auf den Weg nach Frankfurt gemacht. Der Kofferraum war voll mit meinem Gepäck und das Auto voll mit Menschen, die wussten, dass das hier zu den letzten Stunden gehört, die sie gemeinsam verbringen werden, bevor ich nach Ghana fliege. Die Stimmung war zwischendrin dementsprechend gedrückt. 
Am Hotel in Frankfurt angekommen, haben wir alles ausgeladen, eingecheckt und sind dann den Weg zu Terminal 2 gelaufen, damit wir nicht am nächsten Morgen noch Stress haben, weil wir uns verlaufen. In der Flughafenhalle stand mein Flug, der KL-1764 schon an der Anzeigetafel und ich konnte schauen, wo ich Freitagmorgen einchecken und durch die Sicherheitsschleuse gehen muss. 
Als wir wieder zurück im Hotel waren, kam Judith, meine Mitfreiwillige für Mpraeso, mit ihrer Familie an und wir saßen alle gemeinsam noch eine Weile an der Bar. Dort haben sich die beiden Familien dann auch das erste Mal kennengelernt. 
Der nächste Morgen war stressiger als gedacht, was aber in erster Linie daran lag, dass ich verschlafen habe, obwohl der Wecker pünktlich geklingelt hatte. Also habe ich mich in Rekordzeit fertig gemacht und bin zum Frühstück gesputet. Nach dem Frühstück sind wir zum Flughafen gelaufen, haben dort die anderen beiden Mädels getroffen, haben eingecheckt, noch ein paar Fotos gemacht, uns wurden zwei Segenslieder zum Abschied gesungen und dann kam die große Verabschiedungsrunde. Ich habe sehr viel geweint und hätte in diesem Moment am liebsten alles abgeblasen, aber dafür war es (zum Glück) zu spät. 
Als wir durch die Sicherheitsschleuse durch waren, gab es dann also nur noch uns vier und wir wussten, jetzt geht’s los nach Ghana. Auf dem Flug hat alles geklappt, wir sind gut in Frankfurt gestartet, beim Umstieg in Amsterdam hat auch alles geklappt und um kurz vor acht dortige Ortszeit sind wir nach sechseinhalb Stunden Flug auch sicher in Accra gelandet. Der Blick aus dem Flugzeug war an vielen Stellen einfach atemberaubend: die kleinen Häuser und Dörfer unter uns, die Gipfel der Pyrenäen und die türkis-blauen Seen inmitten des Gebirges, das scheinbar unendlich weite Mittelmeer, dann die Nordküste Afrikas, die Wüste mit seinem riesigen Meer aus Sand, das aussah, als sei es von Sandadern durchzogen. Es war einfach wunderschön und ich habe solch eine Ehrfurcht vor der Schöpfung Gottes bekommen. Als wir in Accra gelandet sind, war es schon dunkel und wir haben die große Stadt mit seinen vielen vielen Lichtern von oben bewundert. Ich war total nervös, als wir aus dem Flugzeug ausgestiegen sind und gleichzeitig durfte ich nach dem ein oder anderen Weinen auf dem Flug so ein bisschen Vorfreude verspüren. Die Klimaveränderung war schon beim Ausstieg aus dem Flieger zu merken, es war sehr warm und viel feuchter als ich es bisher gewohnt war. 
Am Flughafen musste ich alle paar Meter meinen Reisepass vorzeigen, dann wurde der Schnelltest, den ich vorab bezahlen musste, gemacht, daraufhin kam die nächste Warteschlange und wir mussten uns beim Stand des Immigration Service identifizieren, dann haben wir unsere Koffer vom Band gehievt (und sehr zu meiner Freude sind von uns allen die Gepäckstücke vollständig angekommen) und zu guter Letzt haben wir unser zum Glück negatives Testergebnis erhalten und durften das Flughafengebäude verlassen. 
In einer der Warteschlangen haben wir eine Frau aus den USA kennengelernt, die jedoch hier in Ghana geboren wurde. Sie hat uns ganz herzlich willkommen geheißen und uns alle zur Begrüßung umarmt, das war ein schönes Gefühl, so anzukommen. Als wir sie kurze Zeit später in der nächsten Schlange noch einmal getroffen haben, hat sie uns noch ein paar Tipps gegeben und uns zum Schluss den Segen zugesprochen und uns einen wunderschönen Aufenthalt gewünscht. Draußen haben schon Francis, unser „Betreuer“ und Paul, unser Fahrer, auf uns gewartet. Sie haben uns mit dem Gepäck geholfen und wir sind zum YMCA Hauptquartier in Adabraka, einem der Stadtteile Accras, gefahren. Auf der Fahrt hatten wir die erste Möglichkeit, uns ein bisschen umzusehen, mussten aber nebenbei zuhören, was Francis uns erzählt, damit wir wussten, wie der Abend und der nächste Tag ablaufen würden. Hier im YMCA Guesthouse angekommen, haben wir erst einmal das Zimmer angeschaut und dann unsere Koffer abgestellt, um uns bettfertig zu machen, weil wir nach der Reise alle etwas erschöpft waren. Der Boden im Zimmer ist immer etwas staubig und sandig, überhaupt wird alles hier sehr schnell sandig, auch meine Brille, aber wir wissen uns zu helfen und laufen einfach mit Flipflops im Zimmer herum. Das Bad ist nicht besonders groß und da gerade kein Duschkopf vorhanden ist, behelfen wir uns mit einem kleinen Eimer, in den wir das Wasser laufen lassen und es dann über uns drüber kippen. 
Meine erste Nacht in der neuen Unterkunft war leider nicht so gut, ich hatte viele Gedanken im Kopf, konnte mich abends leider nicht wirklich bei meiner Familie melden, weil wir noch keine SIM-Karte hatten und ich habe gerade Simeon sehr vermisst. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, hatte einen ziemlich unruhigen Schlaf, aber wenigstens ein bisschen Erholung. Genau, das waren die ersten paar Stunden hier in Ghana. Im nächsten Blogeintrag erzähle ich, was ich bisher so gemacht habe und welche ersten Eindrücke ich von Ghana, beziehungsweise von Accra ich gewonnen habe. 

Trotz Nervosität und Aufregung bereit für den Abflug. Auf geht's nach Ghana!

Nachdem die Tränen im Flugzeug getrocknet waren, konnte ich sogar diesen atemberaubenden Ausblick genießen.

Das YMCA Guesthouse in Accra - unsere Unterkunft für die ersten vierzehn Tage.

Bei unserer Ankunft in Accra war es schon dunkel und wir durften das Lichtermeer der Stadt bei Nacht bestaunen.

1 - Vorbereitung

Ich habe gerade mein Flugticket online heruntergeladen. Zuerst musste ich die Auftragsnummer und dann meinen Nachnamen angeben - hat geklappt. Von Frankfurt nach Amsterdam, vier Stunden Aufenthalt dort, dann Amsterdam bis Accra - stimmt. Ich klicke auf die Ticketübersicht und plötzlich steht da "Flug in 18 Tagen". Ach du Sch***! Ich fliege tatsächlich in achtzehn Tagen nach Ghana und das nicht nur für einen kleinen Urlaub, nein, wenn alles klappt, dann verbringe ich die nächsten elf Monate an der Südküste Westafrikas. 
Obwohl ich seit über einem halben Jahr weiß, dass dieser Zeitpunkt kommen wird, realisiere ich erst jetzt ganz langsam, was diese Entscheidung eigentlich bedeutet und, dass ich tatsächlich bald weg bin. Natürlich nicht komplett vom Erdboden verschwunden, aber doch irgendwie weg - anderes Land, andere Kultur, andere Sprache, andere Menschen, anderer Kontinent. 
Wenn ich vor der Abreise nicht so viel zu tun hätte, würde ich wahrscheinlich noch häufiger Tränen verdrücken als ich es zur Zeit sowieso schon tue. Gerade der Abschied von meinen Freunden, meiner Familie und in erster Linie der von meinem Freund sind mehr als schwer. Was mache ich denn ohne die Menschen, die mich hier tagtäglich begleiten?!
Die letzten Tage und Wochen waren geprägt von Vorbereitungen und das wird bis zu meiner Abreise wohl auch noch so bleiben. Angefangen bei einem schönen, aber dennoch anstrengenden Vorbereitungsseminar, über die Beantragung des Visums (und die Aussage "Wenn ihr ein Visum beantragt habt, dann ist die Steuererklärung später gar nichts", kommt mir gar nicht mehr so abwegig vor), die fast wöchentlichen Besuche bei meiner Ärztin für alle notwendigen Impfungen, die Eröffnung eines neuen Kontos, um auch im Ausland Geld abheben zu können, bis hin zum Abtippen der Packliste und zum finalen Einkauf, damit auch das Moskitonetz im Koffer nicht fehlt.

Trotz des ganzen Stresses versuche ich, meine letzen zweieinhalb Wochen hier in Deutschland noch zu genießen, mich von allen zu verabschieden und so gut vorbereitet wie möglich in meinen Freiwilligendienst zu starten. Vom Bereitsein kann bei Weitem noch keine Rede sein, aber ob dieser Zustand überhaupt eintreffen wird, weiß ich auch nicht so ganz. Und wenn der Stress, die Nervosität und die Traurigkeit dann doch zwischendurch mal ein bisschen Platz lassen, blitzt auch die Vorfreude auf das kommende Jahr auf.